Magdeburg l Vor knapp einem Jahr machte die Meldung europaweit Schlagzeilen, in der reichen Schweiz würden Flüchtlinge vorübergehend in Bunkern untergebracht. Ohne Tageslicht und mit wenig Sauerstoff, begleitet von hitzigen Diskussionen – es sei „unwürdig“ bis hin zu „besser unter der Erde als unter Bomben“. Möglicherweise ließen sich die Puppenspieler um Alberto García Sánchez davon inspirieren, zumindest aber drängen sich die Parallelen geradezu auf.

Sánchez nahm eine Erzählung aus den 1960er Jahren seines Landsmanns Pere Calders, berühmtester katalanischer Autor des 20. Jahrhunderts, und entwickelte mit seinem Ensemble eine zutiefst berührende Inszenierung.

Calders, nach dem spanischen Bürgerkrieg selbst für 23 Jahre im mexikanischen Exil, erzählt die Geschichte einer Gruppe Schutzsuchender, die ihr von Überschwemmungen zerstörtes Dorf verlassen und ausgerechnet auf einem Friedhof, dem sinnbildlichen Ort des Friedens, Zuflucht finden. Dort richten sie sich häuslich ein, Wäsche wird gewaschen, Tomaten gezogen, Kinder gezeugt.

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Die Reaktionen auf die Zugezogenen sind unterschiedlich: während sich die einen freuen über die Belebung des Ortes der Stille oder auch nur über die ungewöhnliche Ordnung – „So sauber und gepflegt war das hier noch nie!“ –, fürchten andere um die Totenruhe.

Ruhig mit poetischen Momenten

Das vierköpfige Ensemble spielt im Magdeburger Puppentheater seine schlaglichtartigen Szenen hauptsächlich an verschiebbaren Tischen, die je nach Anordnung Außen- und Innenräume zeigen. Es verschmilzt mit den etwa ein Dutzend Tischpuppen zu einem vielstimmigen Chor.

Sánchez setzt dabei nicht auf drastische Bilder, um vordergründige Aktualität herzustellen, sondern erzählt äußerst ruhig, fast dokumentarisch die Geschichte der Gestrandeten. Dabei entstehen sehr poetische, aber auch humorvolle Momente, wenn die neuen Friedhofsbewohner debattieren, ob man in einer Kapelle einen Friseurladen betreiben dürfe, oder wenn die Seelen der Verstorbenen sich zunächst bitterlich über die Ruhestörungen beklagen, später aber sehnsüchtig das pralle Leben über der Erde beneiden.

Zynische Züge erhält die Geschichte, wenn eine „besorgte“ Kunstkennerin sich kritisch über die Wäscheleinen „ohne künstlerisches Konzept“ zwischen den Grabmalen äußert oder ein Outdoorfreak über sechs Wochen Sommerurlaub unter freiem Himmel schwärmt. Die Spielweise wechselt dabei vom Tischpuppenspiel in die Erzählung oder auch ins Schauspiel.

Es siegen die Gegner – „Das ist nichts Politisches, wir sind nur besorgt“ –, und die Heimatlosen treiben in einem einfachen Pappkartonboot ins Nirgendwo. Sie lassen damit den bürokratischen Bürgermeister, der in der absurdesten und in ihrer gnadenlosen Konsequenz am Ende brutalsten Szene des eindrücklichen Abends kurzerhand den Friedhof abbauen lässt, am Ende bei den Toten zurück, an dem nun wirklich stillen Ort.