Frust der Emanzipation: Peer Gynt-Frauen in Hamburg
Gleich drei Aktricen verkörpern Peer Gynt sehr frei nach Ibsen am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Premiere mit Angela Winkler, Maria Schrader und Gala Othero Winter für die Version von Jung-Regiestar Simon Stone.
Hamburg (dpa) – Eine Frau kehrt zurück. Vor 47 Jahren hatte sie Mann und Kind verlassen. Wann bist du angekommen?, fragt der ergraute Gatte, der Discounter-Einkaufstüten schleppt und einen matten Eindruck macht, vor den mit Leuchtröhren in der Dunkelheit skizzierten Umrissen ihres Hauses.
Heute Morgen, antwortet die verloren wirkende Seniorin in edlem Business-Outfit und Herrenschuhen. Und danach hierher?, will er wissen. Sie habe erst noch einen Kaffee getrunken, sagt sie. So lakonisch fällt es aus, das Wiedersehen zwischen einer einstigen Hippiefrau, die sich 1968 im Zuge des Zeitgeistes aufmachte, sich selbst zu suchen, und ihrem daheim wartenden Partner - der ihr stets treu geblieben ist.
Dass sie dabei weder sich noch den Sinn des Lebens gefunden und jede Menge familiärer Verwirrung gestiftet hat, zeigt Simon Stones knapp dreistündige Peer Gynt-Aufführung frei nach Ibsen am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Premiere von Stones assoziative, nicht gleichmäßig packende Version der vertauschten Geschlechterrollen war am Mittwochabend im voll besetzten 1200-Plätze-Theater.
Der australische Regie-Jungstar hat nach der 1876 uraufgeführten mythologischen Heldenreise-Geschichte eine eigene Fassung im modernen Alltagsjargon geschrieben und mit stimmungsvollen Songs (Always On My Mind) akzentuiert. Der 31-jährige Film- und Theaterregisseur gilt als Shooting-Star der internationalen Szene. Furore macht er mit Überschreibungen traditioneller Stücke mit eigenen, als work in progress auf Proben entwickelten Texten.
Nun gibt es gleich drei Gynts: Neben Angela Winkler als Alt-Feministin und Ernst Stötzner als deren Ehemann verkörpern Maria Schrader und Gala Othero Winter die Tochter- und Enkelin-Generation. Die Tochter, einst im Babybett zurückgelassen, rebelliert gegen ihre Mutter und weist sie aus der Tür, als diese mit ihr sprechen will.
Doch auch die schnittige Gynt-Frau im mittleren Alter sucht das Leben fern überlieferter Rollenbahnen. In der Wüste von Dubai arbeitet sie für die Scheichs, wird dort zum Geschäftsmann des Jahres gewählt und hält sich einen jungen Lover. Ihr Yuppie-Ehemann sorgt sich derweil wegen der Tochter. Denn die jüngste der Gynts erscheint komplett desorientiert. Auch sie verlässt am Ende ihre Kleinfamilie mit unbekanntem Ziel, während im Kinderwagen ihr Neugeborenes schreit.
Ob es ihr hilft, dass Ibsen persönlich (Josef Ostendorf) im schwarzen Anzug, mit Bart und Stock ihr von einer Rang-Loge aus ein Reclam-Heft seines Stücks zuwirft? Das Werk wird in den Dialogen des Abends immer wieder genannt. Stone kreiert mit überreichlich viel aktuellen Bezügen etwa auf Organspenden, Internetforen und Umweltprobleme im Bühnenbild von Bob Cousins eine Art tristen Zwischenstand der Emanzipationsbewegung. Konfrontiert die Zuschauer mit Verhältnissen, in denen sich nun Frauen gnadenlos das Recht auf Identitätssuche herausnehmen.
Doch während schon bei Ibsen der männliche Antiheld trotz äußerer Erfolge nicht viel bewirkt und am Ende nur durch die Liebe Solveigs erlöst wird, gibt es hier nicht einmal das. Die Zuhause gebliebenen Männer mutieren zu gefühligen Versagern, und von erotischer Spannung ist nichts mehr zu spüren. Auch Stones drei Gynts erscheinen so wie Ibsens berühmte Metapher von der Zwiebel, die nur aus Schalen besteht – aber über keinen Kern verfügt.