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"Kaltes Herz" nach einem Märchen von Hauff wird am Puppentheater Magdeburg zum Thriller Geschichte mit merkwürdigen Gestalten

Von Claudia Klupsch 25.02.2013, 01:17

"Kaltes Herz - Ein Thriller über schnelles Geld und echte Kohle" zieht in eine irre Geschichte voll merkwürdiger Gestalten. Autorin Gabriele Hänel diente Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz" als Vorlage für ein zeitgenössisches Stück. Freitagabend war Premiere im Puppentheater Magdeburg.

Magdeburg l Es ist das uralte Motiv von der verkauften Seele, das sich bei Hauff findet. Der arme Köhlersohn Peter Munk hat das Armsein satt. In seinem Drang nach Geld und Anerkennung verkauft er sein Herz an das Böse, tauscht es gegen einen kalten Stein.

Das Magdeburger Stück zieht vom ersten Augenblick an in eine spannungsgeladene Atmosphäre, die das geschickte Spiel mit Licht und Dunkelheit, die Figuren (dargestellt von Menschen und Puppen), die stimmige Kulisse und mystische Klänge schaffen.

Regisseur Moritz Sostmann lässt im ersten Bild fünf junge Leute um eine brennende Tonne stehen. Sie wärmen sich am Feuer, nachts, es ist kalt. Bronx? Nein, vielleicht gleich um die Ecke, in Magdeburg-Buckau zwischen all den leer stehenden, toten Fabrikgebäuden. Im Hier und Heute. Das Bühnenbild von Sven Nahrstedt ist zunächst nur schemenhaft zu erkennen und lässt im Vordergrund eine alte Werkhalle erahnen. Die saufende, grölende Bande beginnt zu tanzen, singt "Einmal um die Welt" (Mach dir nie mehr Sorgen um Geld). Ein Außenseiter ist schnell auszumachen - der arme Peter. Ausgestoßen aus der Clique bleibt er allein zurück. Mit einer Pulle Hochprozentigem. Zugedröhnt legt er sich schlafen.

Die Real- geht in eine Traumwelt über, der tote Industrieraum erwacht zum Leben, Arbeiter mit Helm und in Kittel haben ihr Tun, das Förderband springt an. Der Zuschauer ist gefangen in einer fantastischen Welt. Es könnte auch eine Art Unterwelt sein.

Wer Hauffs Märchen nicht präsent im Kopf hat, hat nun Mühe. Dem Publikum ist allerhand abverlangt, dem Text zu folgen und die Figuren zu identifizieren bzw. zu verstehen. Da sind die konkurrierenden Geister Glasmännlein und der böse Holländer-Michel, die Clique und Lisa. Aber zum Beispiel auch schafsköpfige dämonische Gestalten mit fiepsigen Stimmchen haben ihren Auftritt. Ein bisschen schräg ist gut, zu viel an Reizen nicht mehr.

Den Puppenbauern Marita Bachmaier und Christian Werdin ist es gelungen, all ihren Figuren Charakter zu verleihen. Auch Peters Persönlichkeitsveränderung vom Loser zum gefühllosen Mann ohne Herz lassen sie in der Gestaltung erkennen. Eben noch ein verunsicherter Junge, gibt er im Flugzeug den arroganten Yuppie mit Sonnenbrille.

Die Kunst des Puppenspiels fasziniert. Verblüffend, wie präzise die Puppenspieler Leonhard Schubert, Lennart Morgenstern, Florian Kräuter, Johannes Everard und Freda Winter die Figuren führen, sie zum Leben erwecken. Die fünf jungen Leute meistern auch die Herausforderung vieler Szenenumbauten und die schnellen Wechsel zwischen Schauspiel und Puppenspiel. Stimmlich fehlt es allerdings häufig an Kraft und Klarheit.

Besonders bleibt die Würfelspiel-Szene haften. Jede kleinste Gefühlsregung ist den Figuren eingehaucht. Grausam-düster, wie sie sein muss, ist die Schlüsselszene: Peter lässt sich das Herz herausschneiden. Holländer-Michel sitzt in Menschengröße mit dem Rücken zum Publikum. Die Fratze des Teufels in der Boshaftigkeit des Augenblicks kann sich jeder in seiner Fantasie ausmalen. Schaurig, der Blick in den Arbeitsschrank der Werkhalle. Inhalt: herausgeschnittene Herzen. Etwas übertrieben ist die Mordszene, in der Peter in Zeitlupe den Hammer schwingt.

Am Ende kichert das Dämonenschaf und lässt ratlos zurück. Verdammtes Geld, verdammte Gier nach Reichtum. Hemmungsloser Bereichungstrieb herrscht im Kleinen, noch mehr im Großen. Ihn in Frage zu stellen und falsche Glücksvorstellungen zu korrigieren, ist immer gut. Ein Beitrag: "Kaltes Herz" im Puppentheater.