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Die Erfolgsgeschichte des Carlsen Verlages / Verleger Klaus Humann: "Harry Potter war manchmal mehr Fluch als Segen für uns"

19.07.2011, 04:32

Es war Liebe auf den ersten Blick, als der Verleger Klaus Humann Ende der 90er Jahre in die Welt von Harry Potter eintauchte. "Da wohnt ein Kind unter der Treppe bei einer Familie, die ihn nicht liebt. Das hat mein Herz berührt", erinnert sich Humann im dapd-Interview an das Lesen der ersten Zeilen.

Hamburg (dapd). So wagte der Chef des Hamburger Carlsen Verlags in einer "reinen Bauchentscheidung" das, was sich zuvor unzählige Konkurrenten nicht trauten: Er holte die bis dato unbekannte Buchsaga aus der Feder von J.K. Rowling nach Deutschland und landete einen Volltreffer von etwa 31 Millionen verkauften Exemplaren bis heute.

Doch statt sich auf den Lorbeeren auszuruhen, baute sich der Verlag frühzeitig eine gesunde Distanz zu dem Zauberschüler aus Hogwarts auf. Weder das Erscheinen des letzten Bandes 2007 stürzte das Unternehmen in ein Loch noch das Leinwandfinale - der letzte Film der Serie "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 2" startete am 14. Juli in den deutschen Kinos. "Abgenabelt haben wir uns im Grunde schon im Jahr 2000, als es so richtig losging", sagt Humann. Ihm sei immer klar gewesen, dass dies eine Ära sei, die wieder zu Ende gehe. "Wir wussten, das ist so einmalig. Doch dann kam Stephenie Meyer mit ihrer ¿Bis(s)\'-Reihe, und wir hatten wieder etwas ¿Einmaliges\' an der Backe", sagt Humann. Es sei sehr ungewöhnlich, dass ein Verlag zweimal vom Blitz getroffen werde.

Dabei ließ der "Potter"-Boom lange auf sich warten. "Eigentlich hatten wir das Durchhaltevermögen fast nicht, weil wir sehr klein waren. Wir haben damals 25 Millionen Mark umgesetzt, mit 35 Mitarbeitern", erinnert sich Humann, der 1997 zu Carlsen kam.

Zu der Zeit sei der Verlag nicht wirklich gesund gewesen. Nachdem die Bände eins bis drei anständig liefen, brachte die erste Lesereise von Rowling im Frühjahr 2000 den Durchbruch. "Plötzlich war da Musik drin, wir verkauften innerhalb einer Woche mehr als 100000 Bücher", blickt der heute 61-Jährige zurück. Doch mit dem Boom setzte auch Panik ein: "Unser Problem war, wo wir noch Druckereien finden, die uns rechtzeitig etwas drucken können. Und wie finden wir genügend Lkws, um die Bücher zu unseren Kunden zu bringen."

Zwar hatte sich der Verlag im September 2000 mit einer mutigen Startauflage von 1,6 Millionen Exemplaren auf Band vier vorbereitet. Doch brachte die in die Höhe schießende Nachfrage nach den Bänden eins bis drei Carlsen an die Grenze. "Potter war Fluch und Segen zugleich für uns und manchmal auch ein kleines bisschen mehr Fluch. Aber wir sahen auch die steigenden Tagesverkäufe und konnten es nicht fassen", gesteht Humann.

Entscheidungen aus dem Bauch getroffen

Im Spitzenjahr 2000 machte der preisgekrönte Verlag einen Umsatz von mehr als 90 Millionen Euro. "Es ging hoch, wenn Potter kam, und runter, wenn er nicht da war. Aber wichtig war, dass sich der Verlag stets in der Talsohle rechnete", erklärt Humann.

So hat Carlsen langfristig von Hogwarts Zauberschüler profitiert. "Wir haben uns neue Märkte erschlossen, unser Spektrum erweitert und viel in den Vertrieb investiert", sagt Humann. Das Geschäft verschiebe sich von den unabhängigen Buchhandlungen zu den Buchketten, die mittlerweile gut 50 Prozent des Marktes ausmachten. Anbieter wie Thalia, Weltbild oder Amazon zählen nun zu den Hauptkunden der Verlage.

Carlsen macht inzwischen auch ohne "Potter" einen deutlich höheren Umsatz und brachte es 2010 auf etwa 60 Millionen Euro. Alljährlich veröffentlicht das Unternehmen 750 Bücher - also auch "genügend Lieben auf den ersten Blick, die leider Gottes schiefgingen", relativiert Humann, dessen Belegschaft sich mit etwa 120 Mitarbeitern mehr als verdreifacht hat.

Auch zählt Carlsen eigenen Angaben zufolge heute zu den drei führenden Kinderbuchverlagen des Landes. "Ich glaube schon, dass wir einen besonders guten Riecher haben", sagt er.

Sowohl bei "Potter" als auch bei "Bis(s)" handelte es sich um Bücher, die sich Carlsen vor Erscheinen sicherte. "Wir haben also keine Erfolge eingekauft, sondern uns aus dem Bauch heraus für Lieblingsbücher entschieden."

Und genau das ist es Klaus Humann zufolge, was man lernen kann, "den Mut, sich auf seinen Bauch zu verlassen". Es gehe darum, gute Bücher zu finden.