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Die Compagnie Magdeburg 09 zeigte in der Feuerwache ihr ironisches Sommertheater-Programm Historienschau im "Land ohnegleichen"

Von Claudia Klupsch 30.07.2013, 01:09

Aus der Historie dieses unseres Landstrichs macht die freie Theatergruppe "Compagnie Magdeburg 09" einen feinen Comedy-Spaß. Zu erleben ist ihr Programm "Land ohnegleichen" in der Feuerwache Magdeburg. Vergangenen Freitagabend war Premiere.

Magdeburg l Abriss der Geschichte Mitteldeutschlands unter besonderer Berücksichtigung Sachsen-Anhalts - klingt anstrengend. Ist es aber nicht. Denn wie es sich für ein Comedy-Programm gehört, wird die Ehrfurcht abgelegt, und der Schalk zieht ein. Kaiser Otto, Katharina und Martin Luther zum Schmunzeln. Texter Bernd Kurt Goetz, der zusammen mit Gisela Begrich auch Regie führte, hat ganze Arbeit geleistet.

Hinweise auf heutige schwierige existenzielle Gegebenheiten künstlerischer Arbeit werden gleich zu Anfang geliefert. Die sechs Darsteller bilden zusammen einen aufgehenden Vorhang. Schon mal Stoff gespart. Die Bühne ist kostengünstig stoffumspannt. Malereien von Kristina Biedermann und Silka Teichert weisen auf historische Ereignisse hin. Auch bei den Requisiten regiert Fantasie statt Ausstattungsetat.

Auftritt Kaiser. Otto zwischen zwei Frauen. Breitbeinig, Kaugummi kauend sitzt er da und schaut süffisant auf den Krieg. Es herrscht Zickenkrieg. Editha und Adelheid, beide um seine Gunst buhlend, bekämpfen einander, beschimpfen einander, schenken sich nichts. Das Programm hat früh einen ersten Höhepunkt. Rick Middelkoop gibt einen herrlichen prolligen Otto, die Damen Juliane Köster und Marie Matthäus gehen in ihren Rollen als keifende Xanthippen auf.

Diese wunderbaren Ideen! Unentwegt ist Bewegung auf der Bühne. Lebhaft geht es zu. Das Schauspieler-Ensemble formiert sich etwa zum trappelnden Pferdegespann, mit dem Katharina die Große aus Zerbst abhaut. Juliane Köster amüsiert als russische Zarin, die sich mit Wodka zudröhnt. Wenig später ist sie eine facebook-affine Tussi, die mit General von Steuben nichts anzufangen weiß. Rollenwechsel stets und ständig. Das meistern alle Darsteller bravourös. Wandelbarkeit innerhalb von Sekunden.

Papageien-Szene mit Richard Wagner

Bernd Kurt Goetz ist der zackige wie männerliebende General von Steuben sowie ein unglaublich komischer Tanzbär. Ekkehard Schwarz ist der gleichschritterprobte Alte Dessauer. Seinen überzeugenden Hauptauftritt hat er als Martin Luther, der die Bibel übersetzt und sich dabei dreier Teufel erwehren muss. Gerald Liebenow ist Walther von der Vogelweide und Richard Wagner. Letztere Persönlichkeit war als Tiernarr bekannt. Diese Überlieferung nutzt das Programm für eine überaus witzige Papageien-Szene. Juliane Köster, Ekkehard Schwarz und Rick Middelkoop erfreuen in einer Viecher-Szene - drei verfressene, kreischende Vögel auf der Stange, die den Satz lernen: "Richard Wagner ist der größte Komponist der Welt."

Rick Middelkoop kann nicht nur Otto, sondern auch den Napoleon. Sein Gesang ist klasse, als er als Wolfram von Eschenbach operngleich davon schwärmt, dass das Land niemandem das Wasser reichen könne. Überhaupt ist das Programm bereichert durch die Musik von Christoph Deckbar, dem Mann am Klavier. Lieder garnieren die Szenen. Die köstliche Hommage an den Bismarckhering nistet sich als Ohrwurm ein.

Mitunter sind zuviel Albernheiten verpackt, so etwa in der Duschszene, in der das Ensemble das Funktionieren eines Gasdurchlauferhitzers darstellt. Auch dass Käthe-Kruse-Schaufensterpuppen dem Lieferanten in den Schritt greifen, bleibt eher jenseits reizender Vorstellungskraft. Gelungen ist die Szene, als alle Darsteller auf ihre Weise Maschinen im Industriezeitalter mimen.

Wir leben in einem "Land ohnegleichen". Das macht das heitere, die Historie ironisierende Programm bestens klar. Beim am Schluss gesungenen Lied "Bleibe hier an der Elbe, denn in den anderen Ländern ist es dasselbe" mag man lauthals einstimmen.