Morgen startet die Senioren-Komödie "Bis zum Horizont, dann links!" in den Kinos Humorvolles Sittengemälde über das Altern
Einfühlsam, ein bisschen traurig, ohne larmoyant zu sein, und augenzwinkernd - so könnte man die Stimmungslage der Senioren-Komödie "Bis zum Horizont, dann links!" beschreiben. Klar wird, dass der Alterungsprozess durchaus Nachteile hat, man aber trotzdem Spaß haben kann.
Magdeburg l Annegret Simon hat sich vor Aufregung ins Höschen gemacht. Der Tag, vor dem sie sich so lange gefürchtet hat, ist gekommen. Der Tag, an dem ihr Sohn sie ins Seniorenheim bringt. Für immer.
Es gefällt ihr nicht, abgeschoben zu werden, das letzte Kapitel ihres Leben zu beginnen. Einsamkeit mit Parkblick. Dabei hat diese Frau eigentlich gar keinen Grund, so pessimistisch zu sein, denn die Seniorenresidenz wird von einer bunten Ruheständler-Runde bevölkert, die sich durch höchst unterschiedliche kleine Vorzüge und Macken auszeichnet.
Wenn sich die vorturnende Pflegerin bei der morgendlichen Gymnastik nach vorn beugt, werden plötzlich auch 70-jährige Wirbelsäulen geschmeidig, um ihren männlichen Besitzern einen Blick ins jugendliche Dekolleté zu ermöglichen. Geronto-Voyeurismus von seiner sympathischen Seite.
Wie so vieles in diesem Heim sympathisch ist. Der immer ein wenig mürrisch wirkende Herr Tiedgen beispielsweise, dessen neuer Mitbewohner die dritten Zähne verwechselt. "Merken Sie das denn nicht?" fragt er mürrisch, Sie sehen aus wir Dracula!" Gespielt werden die beiden von Otto Sander und Ralf Wolter.
Schließlich kommt Annegret Simon an, wunderbar mürrisch mit einem Hauch zur Arroganz von Angelica Domröse gespielt. Bei einem zufälligen, der Schlaflosigkeit geschuldeten nächtlichen Bummel durchs Heim trifft sie Tiedgen.
Er versucht dezent anzubandeln, vergeblich. Der Aufforderung "Gehen Sie in ihr Zimmer und schlafen Sie gut" begegnet er mit dem Satz "Das eine schließt das andere aus".
So richtig Spaß hat der Mann mit dem Älterwerden nicht, rein zufällig aber kommt er in dieser Nacht in den Besitz einer Pistole, weil ein nachlässiger Polizist beim Schäferstündchen mit Schwester Amelie sein Hose ein wenig unachtsam fallen gelassen hatte.
Dann wäre da noch das Ehepaar Miesbach - er, der immer alles besser weiß und richtig macht, und sie, die ewig unterwürfige Gattin. Verkörpert von Monika Lennartz und Herbert Feuerstein. Ein liebenswertes Sammelsurium von Charakteren, dem am nächsten Tag ein Rundflug bevorsteht.
Beeindruckendes "Solo" von Otto Sander
Kaum in der Luft, fasst Tiedgen den Entschluss, die betagte Propellermaschine zu entführen. Jetzt kommt sein großer Auftritt: In einer leidenschaftlichen Rede hält er seinen Mitbewohnern einen Spiegel vor - wie oft schon wurde der Weihnachtsbesuch von den Kindern auf Ostern verschoben, wie realistisch ist die Hoffnung, irgendwann übers Wochenende den Nachwuchs besuchen zu dürfen, wie ausgefüllt ist denn das Heimleben zwischen Unterwassermassagen und Beschäftigungstherapie wirklich?
Otto Sander übertrifft sich bei diesem "Solo" selbst. Eine schauspielerische Glanzleistung, deren Wirkung absolut glaubwürdig ist - die Mehrzahl der Passagiere schließt sich seinem Wunsch an: Noch einmal das Meer und die Sonne sehen, noch einmal salzige Luft schmecken, noch einmal das Gefühl haben, wirklich am Leben zu sein.
Der Entführer gibt den Kurs vor: Bis zum Horizont, dann links! Dem Einwurf des Piloten, dass eine Flugzeugentführung kein Spaß sei, folgt die Antwort "Altersheim auch nicht". Das Abenteuer beginnt.
Autor und Regisseur Bernd Böhlich hat mit diesem Film, der teilweise in Halle-Oppin gedreht wurde, ein wunderbar warmherziges und humorvolles Sittengemälde über das Älterwerden inszeniert. Kauzigkeit mischt sich mit sehr viel Charme und der alles übertönenden Botschaft, dass man in jedem Alter etwas aus seinem Leben machen kann und sollte. Tiedgen dazu: "Lebe jeden Tag, als wenn\'s dein letzter wär!".
Überzeugend agierende Akteure geben Einblick in ein Seelenleben, das manchem der Protagonisten durchaus bekannt sein dürfte. Wohlfühl-Kino der leisen und liebenswerten Art.