Magdeburg l Ein „richtiger Elling“ ist seit dem norwegischen Filmerfolg von 2001 ein geflügeltes Wort. Es bezeichnet verschrobene Typen, die ihre Umwelt mit einer Mischung aus Besserwisserei, Pedanterie, und Wehleidigkeit nerven.

Michael Magel zeigt dieses Nervenbündel bei der Premiere Kammerspiele-Inszenierung in der Magdeburger Feuerwache in einer unter die Haut gehenden Intensität: Er zittert am ganzen Körper, ihm bricht der Schweiß aus, und immer wieder spendet ihm sein kleiner Plüschigel wie ein Sauerstoffgerät wenigstens ein bisschen Beruhigung. Gleichzeitig kann sein Elling mit seinen Fantasieerzählungen eine Souveränität ausstrahlen, dass man ihn einfach nur ins „richtige“ Leben schubsen möchte.

Hünenhafter Teddybär

Michael Günthers gehemmt-verlegener Kjell Bjarne erscheint als Gegenstück zum hochintelligenten, zum verästelten Philosophieren neigenden Elling: ein hünenhafter Teddybär mit ausschließlichem Interesse an üppigem Essen und Sex, mit dem er bislang keine Erfahrung hat. Beide zeigen ein unzertrennliches Paar, bei dem einen das Herz aufgeht und dessen Freundschaft bis zum legendären, vom Publikum herzlich beglucksten Unterhosentausch reicht.

An keiner Stelle im Stück werden Diagnosen gestellt, aber darüber denkt man auch gar nicht nach. Denn wo die Grenzen zwischen dem „Normalen“ und der Extreme verlaufen, ist unwichtig. Wiederentdecken können sich die Zuschauer in beiden Figuren.

Klinisch sauber und hell

In der Inszenierung von Oliver Breite erscheinen Elling und sein Freund zu Beginn auf einer völlig leeren, mit weißen Stoffbahnen umfassten Bühne (Bühnenbild: Meyke Schirmer). Klinisch sauber, hell – der Beginn eines neuen Lebens, des Lebens überhaupt. Die aus der Psychiatrie Entlassenen ziehen in einem staatlichen Modellprojekt in eine gemeinsame WG, betreut von Sozialarbeiter Frank. Vermeintlich selbstverständliche Dinge aber müssen die beiden lernen: Telefonieren, Einkaufen, Kontakte knüpfen. Bald bricht das pralle Leben über sie herein, und zwar so heftig, dass sie gar keine Zeit mehr haben, über ihre Hemmungen nachzudenken. Buchstäblich vor der Tür stolpern sie über die hochschwangere Reidun, die volltrunken im Hausflur liegt. Während Kjell Bjarne tatkräftig Hilfe leistet und sich nebenbei in die Blondine verliebt, entdeckt der kontaktscheue Elling seine bislang verborgene Ader für Poesie und lebt diese Neigung natürlich nicht offen aus, sondern versteckt seine Gedichte in Kartoffelpüreekartons.

Drei Frauenrollen

Gegenüber den starken, ausdifferenzierten Figuren von Michael Günther und Michael Magel geben die drei Frauenrollen für Friederike Walter eher wenig Futter her. Neben Betreuerin Gunn und der Kellnerin – nicht mehr als stichwortgebende Figuren – wirkt die kettenrauchende Reidun eher einfach gestrickt, was ein wenig schade ist. Selbst Sozialarbeiter Frank, von Eckhard Doblies mit den obligatorischen Dreadlocks und selbstgedrehten Zigaretten zunächst etwas klischeehaft vorgestellt, hat stärkere Momente, als er beispielsweise seine eigene Angst vor dem Verlassenwerden zugibt.

Wie die WG-Freunde in die Realität finden, erzählt Regisseur Oliver Breite in seiner stimmigen Inszenierung sensibel und mit viel Liebe zum Detail. Anfangs tragen Kjell Bjarne und Elling ihre Haustürschlüssel um den Hals wie Schlüsselkinder, um den Weg zurückzufinden. Am Ende leuchten sogar die vorher weißen Stoffwände orange, so, wie Elling es zu Beginn lautstark eingefordert hatte.

Weitere Vorstellungen: 5. und 6. März, 19.30 Uhr, Feuerwache Magdeburg