Magdeburg l Der kleine Saal im Magdeburger Moritzhof war ausverkauft. Potenzielle Zuschauer fanden zum bundesweiten Start „Wildes Herz“ keinen Platz mehr. Halb so schlimm, das Programmkino hat den Film weiter im Programm. Auf den Spielplänen der großen Häuser bleibt er eher die Ausnahme. Im Mittelpunkt der Dokumentation steht Jan „Monchi“ Gorkow mit seiner Band „Feine Sahne Fischfilet“. Deren sechs Musiker passen in keinen Rahmen, sind eigenwillig, gelten durchaus als linksradikal. Unkonventionell, ohne Starallüren geben sie ihre Konzerte, positionieren sich gegen rechts.

Schauspieler Charly Hübners, unter anderem als Oberstleutnant Harald Schäfer in „Bornholmer Straße“ bekannt, hat zum ersten Mal die Seiten gewechselt und übernahm seine erste Regie-Arbeit. Die Fäden für das umfangreiche Projekt liefen bei ihm und Sebastian Schultz zusammen. Das Duo begleitete die Band rund drei Jahre. „120 Stunden eigenes Filmmaterial entstanden dabei, eine Fülle, die unser Konzept bis zum Schluss beeinflusste“, sagte Schultz in Magdeburg. Viele Interviews, die Hübner führte, seien dabei. Archivfilme ohne Ende wurden gesichtet und eingearbeitet. Möglicherweise, so räumte er ein, könnten allein die Gespräche zu einem zweiten, ganz anderen Streifen führen. Lust hätten die beiden Regisseure darauf.

Parallele spürt der Zuschauer

Für Hübner ist „Wildes Herz“ eine Beschäftigung mit der eigenen Heimat. Wie Monchi wuchs er in Mecklenburg-Vorpommern auf, mag Punkmusik und den Sänger findet er „einfach faszinierend“. Diese ganz persönliche Parallele spürt der Zuschauer, erlebt nicht nur das Porträt eines Musikers, der sich nicht anpassen will, der unbequem ist und mit seiner Band anfangs Lieder über „Ficken und Saufen“ auf die Bühne brachte. Inzwischen richten sich die Titel gegen rechte Gruppen, nehmen stattliches Machtmonopol ins Visier. Neonazis kommen zu den Konzerten, um zu provozieren. 2011 bringt der Protest „Feine Sahne Fischfilet“ in den Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommerns.

Bilder

Mit dem Dokumentarfilm entsteht ein vielschichtiges Porträt eines Sängers, der in keine Schublade passt. Es wird bisweilen fast intim, da kommt seine Lehrerin aus der Grundschule zu Wort, die Eltern sprechen über ihren Sohn, der lange Zeit harte Konflikte auslebte, bei einer Fußballrandale in Stendal ein Polizeiauto abfackelte, in der Ultra-Szene aktiv war. „Monchi“ hat so etwas wie Konversion durchgemacht. Er trägt das Herz auf der Zunge, weiß, wovon er spricht, wenn er sich heute anders als in der Pubertät gegen Gewalt engagiert.

Unaufdringliche Nähe

Die Regie zeichnet ein eindrucksvolles Bild, schafft unaufdringliche Nähe, begleitete ohne ihren Haupthelden fremd zu bestimmen. Regelmäßig sorgen gerade alte, private Video­sequenzen für Lacher. „Monchi“ im Gespräch mit dem Weihnachtsmann, als junger Sänger auf einer Hochzeitsfeier. In seiner Jugend hatte Gorkow ein Weltbild, das er gegen Widerstände lebte, um eine scheinbar gute Zeit zu haben, mit seinen Kumpels abzuhängen, im Fußballstadion einen drauf zu machen, Krawall mitzuprägen. Irgendwann spürte er die Widersprüchlichkeit, wie vieles nicht zusammen ging.

Neben diesen ganz persönlichen Entdeckungen entfaltet sich im Film ein Panorama Mecklenburg-Vorpommerns mit seinen leerer werdenden Dörfern und Kleinstädte. Die Band organisierte ein Festival gegen rechts in Gorkows Heimatstadt Jarmen. Mehr Menschen als der Ort Einwohner hat, kamen dazu. Die Konzerte der Punkband sind Ereignisse, ziehen Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen an. Im Film werden die Auftritte eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Wandel beeindruckt

„Monchi“, längst bekennender Antifaschist, erzählt, lässt seine eigenen „Schandtaten“ Revue passieren, distanziert sich, erklärt das Warum und Wieso. Man muss das „Riesenbaby“, das stets irgendwie zwischen Engel und Teufel agiert, wie es seine Ex-Freundin einschätzt, nicht mögen, sein Wandel beeindruckt allemal. Der Film „Wilders Herz“ beeindruckt, greift ein Thema der Gegenwart auf, versucht Widersprüche begreifbar zu machen, setzt auf Nähe zu seinem Haupthelden.