Ein Wolkenschaf ist aus dem Himmel gefallen und unsanft auf der Erde gelandet. Nicht irgendein Wolkenschaf, sondern Zirri, das Wolkenschaf aus dem Kinderbuch von Fred Rodrian. Das Puppentheater Magdeburg hat sich des Stoffes des 1985 verstorbenen Kinderbuchautors angenommen und daraus ein Spiel mit allen Sinnen für die Jüngsten ab drei Jahren inszeniert. Am Sonntag war Premiere für "Christine und das Wolkenschaf", und die wurde begeistert gefeiert.

Von Rolf-Dietmar Schmidt

Magdeburg. 45 Minuten ist das Stück lang, und wer selbst Kinder hat, weiß, wie schwierig es ist, die Kleinen so lange mit einer Geschichte zu fesseln. Margit Hallmann kann das. Sie spielt die Geschichtenschreiberin Gesine Hurtig, der mitten in der Arbeit der gedankliche Faden reißt. Darum erzählt sie, was passiert ist, und nimmt die Kinder mit auf den Weg, ein gutes Ende zu finden.

Wie sie das macht, das ist bewundernswert. Margit Hallmann spielt nicht nur selbst die Erzählerin Gesine Hurtig, sie nutzt Stimme, Dialekte, die Finger, Hüte, Pappautos, Geräusche, Musik, die Puppen Christine, die Lausejungen Bobby und Dieter, Hugo den Hund und natürlich Zirri, das Wolkenschaf zum Erzählen. Die einzige lebendige Darstellerin in dem Stück hat mit der ungeheuren Zahl von Requisiten, Details der Ausstattung, dem Aufbauen und Wegräumen derartig viel zu tun, dass kein einziger Moment der Langeweile entsteht. Kinder sind in dieser Hinsicht das wohl kritischste Publikum, das man sich denken kann. Aber der Inszenierung von Frank A. Engel ist da kein Fehler unterlaufen.

Fred Rodrians Geschichte ist spannend und anrührend zugleich. In fast allen seinen Büchern kommen Tiere vor, erinnert sei nur an Hirsch Heinrich, die Schwalbenchristine oder die Kuh Mariken. Und immer macht er am Verhältnis von Kindern zu Tieren genau die Werte sichtbar, die scheinbar immer mehr verloren gehen. Das Puppentheater hat sich für alle Inszenierungen für die Jüngsten genau dieses Ziel gesetzt, Werte wie Solidarität und Mitgefühl auch und gerade mit den Mitteln der Kunst wieder stärker in den Lebensmittelpunkt zu rücken. Die kleine Christine hilft dem Wolkenschaf, dem beim Spielen "Wer ist das schwarze Schaf", "Schäfchen in der Grube" oder "Schäfchen rauswerfen" letzteres passiert ist, wieder nach Hause zu kommen. Und sie sucht aktiv Hilfe und Unterstützung bei Erwachsenen. Die Zirkusleute helfen, die Feuerwehr, nur die Polizei spielt keine unterstützende Rolle.

Aber so wenig man daraus Gesellschaftskritik ableiten kann, so sehr sollte man sich vor Überinterpretation bei der Vermittlung gesellschaftlicher Grundwerte an Dreijährige durch das Puppentheater hüten. Der Anspruch ist wohl verstanden, allein das Kindern innewohnende Gefühl für Hilfe, Gerechtigkeit, die Fähigkeit mit zu leiden und sich für ein gutes Ende einzusetzen, kann allenfalls unterstützt werden. Erhalten und gefördert werden muss es im Elternhaus. So dürften vermutlich nur die mitgenommenen Erwachsenen verstanden haben, weshalb im Reisebus, der das Wolkenschaf beim Gang über die Straße beinahe überfahren hätte, eine Frau Merkel saß. Oder wieso es im Gemüsegeschäft in der Blumenstraße Melonen aus Bulgarien, Orangen aus Kuba und Bananen aus Berlin gab.

Den Kindern war’s egal. Sie jubelten dann vor allem, wenn mal was nicht klappte, wie bei den Schwierigkeiten von Christines Mutter beim Autofahren, oder wenn die Artisten aus dem Zirkus samt Wolkenschaf mit Allez Hopp ungeplant ins Publikum stürzten.

Zu guter Letzt hat das dankbare Wolkenschaf seinen Platz bei seinen Spielgefährten am Himmel wieder. Und vielleicht guckt der eine oder andere der kleinen Zuschauer morgen etwas aufmerksamer nach oben, entdeckt vielleicht sogar Zirri. Dann wurde neben Sozialisation und Werten nämlich das Allerwichtigste mit diesem Stück geweckt – die Fantasie.