Hanoi/Wernigerode (dpa). Der Rundfunk-Jugendchor Wernigerode ist in dieser Woche in Vietnam aufgetreten. Bei der Konzertreise begeisterten die Schüler mit Liedern aus aller Welt. Außerdem erlebten sie, wie es ist, ein Exot zu sein.

Neugierig lauschen die vietnamesischen Kinder den – für ihre Ohren – exotischen Klängen. Junge Sänger aus Deutschland tremolieren mit Emphase und Gefühl "Sah ein Knab’ ein Röslein steh’n". Sie gehören zum Rundfunk-Jugendchor Wernigerode, der in Vietnams Hauptstadt Hanoi ein dreitägiges Gastspiel gibt. Gerade tritt das Ensemble in der Lomonossow-Grundschule auf, wo seit Beginn des Schuljahres Deutsch unterrichtet wird.

Als die jungen Künstler "Heißa Kathreinerle" singen und dabei im Rhythmus mit dem Fuß stampfen, hält die Schüler nichts mehr. Sie stampfen ebenfalls, klatschen sich auf die Schenkel, jubeln und lachen.

Die Konzertreise ist Teil des umfangreichen Kulturprogramms "Deutschland in Vietnam 2010". Damit wird der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern vor 35 Jahren gedacht. Initiatorin des Chor-Ausflugs nach Südostasien ist Huong Trute, eine in Wernigerode lebende Vietnamesin. Sie wandte sich im vorigen Jahr mit der Idee an die deutsche Botschaft in Hanoi. Kurzfristig gab das Auswärtige Amt grünes Licht, schließlich stand das Programm für das Deutschland-Jahr schon.

Auch wenn der Chor Konzertreisen gewöhnt ist: "Der Besuch in Vietnam ist schon eine ganz besondere Herausforderung", betont der künstlerische Leiter Peter Habermann. "Uns blieben nur wenige Wochen zum Proben. Bei unserer Japan-Tour hatten wir dafür ein ganzes Jahr."

Aus Kostengründen nur der halbe Chor

Dennoch studierte der Chor eine Folge von Volksliedern neu ein. Ein Wermutstropfen: Aus Kostengründen durften nur 35 – weniger als die Hälfte der Chormitglieder – mitfliegen.

Nicht nur in Sachsen-Anhalt ist der 1951 gegründete 78-köpfige Chor ob seiner hohen künstlerischen Qualität bekannt. Zum Repertoire gehört Chormusik nahezu aller Epochen und Stilrichtungen. Mit zahlreichen Radio- und Fernsehaufzeichnungen, diversen Alben und Auftritten wie beim Festakt 20 Jahre Sachsen-Anhalt machte sich der mehrfach ausgezeichnete Klangkörper einen Namen. Aber wie würde das vietnamesische Publikum ihn aufnehmen? "Ich bin wahnsinnig aufgeregt", gesteht Pauline Borries, Stimmführerin der Alt-Stimmen. Am Abend im Jugendtheater Hanoi scheinen dann Lampenfieber und auch die Folgen des langen Flugs wie weggeblasen. Souverän nehmen die jungen Sänger ihre Positionen ein. Virtuos bieten sie ein anspruchsvolles Programm mit modernen Stücken wie dem Feuerreiter von Hugo Distler, historischen Madrigalen, Gospel-Songs und anderen Werken aus aller Welt.

Geste wurde dankbar aufgenommen

Ab und an klingelt im Publikum ein Handy, aber das ist in Vietnam normal – sogar bei Konzerten in der Oper von Hanoi. Besonders andächtig hören die Vietnamesen, die fast ausnahmslos selbst gern singen, bei den Volksliedern zu. Und dann kommt die Riesen-Überraschung: Der Chor aus Deutschland bringt das populäre vietnamesische Lied "Beo Dat May Troi" zu Gehör. Die Einheimischen nehmen die Geste dankbar auf, sie applaudieren stürmisch und singen mit. "Ein wunderbares Konzert", schwärmt Thuy Do. Der 41-jährigen Hanoierin haben ebenfalls die Volkslieder am besten gefallen.

Die Zeit zwischen den Konzerten nutzen die Jugendlichen, um Hanoi zu entdecken. Sie streifen durch die Altstadt, kaufen in der großen Markthalle Geschenke für die Familie ein und besichtigen den historischen Literaturtempel, wo in alten Zeiten die Elite des Landes für die Beamtenlaufbahn geprüft wurde.

"Es war schon eine seltsame Erfahrung, exotisch zu sein", meint Carl Hammann, Stimmführer Tenor. Damit meint er nicht nur die Musik.

Der schlaksige Junge wurde in der Stadt immer wieder bestaunt und angefasst. Und ungezählte Male wurde er von jungen Vietnamesen gebeten, mit ihnen für Fotos zu posieren. "Ich kann meine Eindrücke noch nicht ordnen, zu viel ist in den drei Tagen auf uns eingestürmt!", bekennt der 17-Jährige vor dem Heimflug am Freitag. "Da waren der verrückte Verkehr, das Sommerwetter, das Gewimmel der Menschen in den Gassen, die bunten Märkte, das Gewirr der Stromleitungen über den Straßen, aber auch der Kontrast zwischen Arm und Reich."

Die jungen Leute sind begeistert und zufrieden. Und sogar der gestrenge Leiter Peter Habermann sagt rundheraus: "Das war ein voller Erfolg." Aus dem sommerlich warmen Hanoi geht es zurück ins herbstliche Deutschland. Für den Chor steht demnächst das erste Adventskonzert an.