"Du bist nur der Arsch" ist das zweite Ein-Frauen-Stück von Philipp Schaller, das Vera Feldmann im Magdeburger Puppentheater auf die Bühne gebracht hat. Wie schon beim vorangegangenen "Leichenschmaus im Frauenhaus" schlüpft die Schauspielerin nach der Regie von Gisela Oechelhaeuser in raschem Wechsel in verschiedene Frauenrollen. Am Freitag war vor ausverkauftem Haus Premiere.

Magdeburg. Heike ist stinksauer und schimpft gottserbärmlich: "Du bist nur der Arsch!" Sie findet vielerlei Anlässe in ihrer Tirade das Titel gebende Fluchwort zu wiederholen. "Die nehmen einem die ganze Menschenwürde!", ergänzt sie in ihrem Lamento über Hartz IV, das den zwei Kindern nur einen einzigen Game-Boy erlaubt. Anlass ist eine vollkommen missglückte Campingreise an die Côte d’Azur. Die darein gesetzten Hoffnungen verfliegen bereits beim ersten Einkauf beim französischen "Lüdl" und der Unfähigkeit der dortigen Verkäuferin, Heikes "sehr langsam gesprochenes" Sächsisch zu verstehen und die deutschen Lidl-Rabatt-Marken einzulösen.

Sprachliches Motto für jede Heldin

Vera Feldmann hat auch in diesem Stück alle Möglichkeiten, ihre Wandlungskunst zu zeigen, wobei ihr immer die drastischen Typen am besten gelingen, etwa die Berliner Schlägerin, die sich im Einkaufskorb verschanzt, jedem bei jeder Gelegenheit "ein paar aufs Maul" androht und wirren Zukunftsträumen zwischen Kinderkriegen und Castingshowglück nachhängt.

Bärbel hat eine andere Methode gefunden, aus dem Elend herauszukommen. Als Bild-Lese-Reporterin fährt sie die Autobahnen rauf und runter, um vor dem Rettungswagen mit dem Fotohandy vor Ort zu sein.

Acht Kartons stehen auf der Bühne, und in jedem Karton finden sich ein paar Kleidungsstücke oder Requisiten, die ausreichen, damit sich die Schauspielerin verwandelt. Ein Glitzerohrring und ein paar schneeweiße Gummistiefel reichen, damit Vera Feldmann die feine Leonore von Schickedanz auf Erlebnistour zur "erotischen Naturgewalt" der Obdachlosen wird, ein Arztkittel verwandelt sie in die alkoholisierte Frau Dr. Posselt, in der Jogginghose wird sie zu Ina, die ihr Glück als Problemfamilie bei Supernanny oder beim Frauentausch, bei der Schuldnerberatung, den Auswanderern usw. zu finden sucht.

Philipp Schaller hat jeder seiner Heldinnen auch ein sprachliches Motto gegeben, mit dem sie ihre Monologe einleiten und das sie verzweifelt, verärgert oder aufgeregt stets wiederholen. Dabei zeigt sich, dass die verschiedenen Typen so unterschiedlich gar nicht sind. Sie alle kämpfen mit den Widrigkeiten ihrer Umwelt, vor allem denen ihrer Mitmenschen, die sie nicht verstehen und nicht verstehen wollen. Dabei sind sie alle genau wie es der Untertitel der Satire sagt "Schwarz. Böse. Ungerecht".

Belacht, aber nicht ausgelacht

Vera Feldmann gelingt es, die Frauen bei aller Übertreibung doch so darzustellen, dass man sie zwar belacht aber nicht auslacht. In jedem steckt wohl ein wenig von Heikes Empörung oder von Inas Fernsehüberdruss, einige von den Hoffnungen der schwangeren Sybille, die dem Kind in ihrem Bauch die besten Startchancen wünscht, oder auch etwas von Frau Kramer, die zum Abschluss vor ihren Lidl-Laden kommt und die Demonstranten stoppen will, weil sie sich mit Hilfe diverser Philosophiebruchstücke mit ihrer erbärmlichen Situation als Kassiererin arrangiert hat.

Schallers Stück ist eine scharfe Satire, aber Vera Feldmann spielt nicht nur virtuoses Kabarett, sondern bei aller Drastik und Übertreibung echte Frauen mit echten Lebensgeschichten. Das geht nicht ganz ohne Reibungen, und in dem Lachen über ihr gutes Spiel und die treffsicheren Texte bleibt ein Bodensatz an Betroffenheit, der tiefer reicht als schwarzer Humor.