Das Erfolgsmusical "Anatevka" hat am Sonnabend im Theater der Altmark einen weiteren Erfolg feiern können. Tosender Applaus für eine mitreißende Aufführung.

Von Birgit Tyllack

Stendal. Anatevka ist ein armseliges, kleines Dorf. Irgendwo im zaristischen Russland in den Jahren vor der Revolution, genauer gesagt im Jahr 1905. Die jüdischen Bewohner leben seit langer Zeit in friedlicher Koexistenz mit ihren andersgläubigen Nachbarn. Man lässt sich gegenseitig in Ruhe. Milchmann Tevje und die anderen Juden des Ortes können ihre Traditionen aufrechterhalten.

Diese uralten Traditionen haben ihnen in ihrer Diaspora stets Halt gegeben. Jeder kennt seinen Platz und seine Rolle in der Gemeinschaft. Der Vater ist der Ernährer und Bestimmer der Familie, die Frau für den Haushalt und die Kinder zuständig, der Nachwuchs ordnet sich dem Wort des Patriarchen unter. Geheiratet wird nur, wen der Vater mit Hilfe einer Vermittlerin bestimmt.

Tevje ist ebenfalls traditionsbewusst. Doch nun, da die ältesten drei seiner fünf Töchter ins heiratsfähige Alter kommen, gerät sein Weltbild ins Wanken. Zeitel, seine Älteste, will den armen Schneider heiraten, obwohl Heiratsvermittlerin Jente mit einem Angebot des reichen Fleischers Lazar Wolf aufwarten kann. Die Zweitälteste verliebt sich in den revolutionären Studenten Perchek!

Aus Liebe zu seinen Töchtern bricht der Milchmann mit den Traditionen und nimmt den Ehestreit mit seiner Golde in Kauf. Nur als die dritte Tochter einen russischen Goj, einen Nicht-Juden, heimlich heiratet, ist für Tevje die Grenze überschritten. Dieser Beziehung verweigert er den väterlichen Segen. Chava ist für ihn als Tochter verloren.

Tevjes Welt wird nicht nur in familiärer Hinsicht auf den Kopf gestellt: Ein Erlass des Zaren verfügt, dass alle Juden Anatevka verlassen müssen. Tevje, Golde und ihre zwei kleineren Töchter wollen ihr Glück in Amerika versuchen. Die jüdische Gemeinschaft des Ortes bricht auseinander.

Auf der Stendaler Bühne sieht man kein typisches Anatevka. Ausstatter Christopher Melching hat stattdessen ein Bühnenbild geschaffen, das an ein großes Fotoalbum erinnert: Die Schauspieler sitzen in Rahmen, aus denen sie nur manchmal herabsteigen. Hier wird eine Geschichte erzählt. Es ist, als ob jemand alte Aufnahmen zeigt, während er sich erinnert: "Damals in Anatevka..." Die Wirkung ist für den Zuschauer grandios, und lange Umbauten zwischen den Szenen werden auf diese Art und Weise vermieden.

Regisseur Dirk Löschner hat mehr als 40 Leute in seiner Inszenierung auf die Bühne gebracht: Schauspieler aus dem Stendaler Ensemble, Gastschauspieler und viele Laiendarsteller. Sie alle tragen zum Gelingen dieser Aufführung bei.

Erwähnt werden können hier jedoch nur einige. Hauptdarsteller Manfred Ohnoutka zum Beispiel. Er setzt vor allen Dingen auf den jiddischen Humor des Tevje und spielt sich so in die Herzen der Zuschauer. Tabea Scholz überzeugt als Ehefrau Golde, sowohl schauspielerisch, als auch gesanglich. Claudia Lüftenegger (kaum zu erkennen als dicke Heiratsvermittlerin mit Oberlippenbart) ist wunderbar wie immer, Mathias Kusche als Fleischer ebenfalls. Beide geben diesen kleineren Rollen eine unglaubliche Intensität.

Gero Wiest, musikalischer Leiter des Theaters, hat für dieses Musical eine Klezmer-Fassung geschrieben. Statt eines großen Orchesters ist eine fünfköpfige Band in die Handlung auf der Bühne integriert: Kinneret Sieradzki (Geige), Régis Vincent (Klarinette), Konstantin Buryan (Akkordeon), Mario Bärecke (Kontrabass) und Robert Grzywotz (Gitarre). Sie machen die ohnehin wunderbare Musik noch mitreißender. Hier kann der Zuschauer die Lebensfreude und die Traurigkeit, die in den Liedern steckt, nicht nur hören, sondern auch sehen.

"Anatevka" bietet Humor und Anrührendes in kurzweiligen drei Stunden.

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