Eigentlich wollte ich an diesem Abend ein paar Recherchen über den Anbau von Shitakepilzen betreiben, aber mein Freund Harald hatte es mit einem Anruf wieder einmal geschafft, meine Pläne über sämtliche Haufen zu werfen. Er wolle mit mir nur ein wenig in sich gehen und dort auch nicht lange bleiben. Um nicht ungastlich zu wirken, seine Verweildauer aber auch nicht unnötig auszudehnen, stellte ich Gläser und eisgekühlten Salbeitee auf den Küchentisch.

Sekunden später klingelte es an der Haustür und mein Freund begrüßte mich mit dem Satz: "Ich läute, um zu läutern." Die Frage "wen?" verkniff ich mir, denn erfahrungsgemäß befand sich der Bursche in seiner üblichen Jahresend-Charakterschwächen-Depression und wollte nun von mir hören, dass er jedem Menschen zum Vorbild gereiche und von allen geliebt werde. Um Zeit zu sparen, ging ich in die Offensive: "Hast du deine winterliche Weinerlichkeit schon hinter dir oder steckst du noch mittendrin? Ich mach‘s kurz – du willst auch im nächsten Jahr so bleiben, wie du bist, und von mir hören, dass du’s darfst, richtig?"

Harald erwiderte, dass ich es sei, der nicht frei von Sünde ist und er mich erleuchten könne. Meine Antwort "ich find‘s hier hell genug" provozierte bei ihm einen beichtvaterähnlichen Tonfall: "Hattest du jemals das Gefühl, geboren zu sein, um Gutes zu tun, mein Sohn?"

Noch bevor ich mein Entsetzen in beherrschbare Dimensionen bannen konnte, predigte er weiter: "Dein Problem ist dein Mangel an Demut, es gebricht dir an der Nächstenliebe. Bist du jemals auf die Idee gekommen, deines Nachbarn Schnee zu schippen oder deine Nachbarin zu trösten, wenn sie sich – vom Eishagel am Fenster verängstigt – in eine geheizte Ecke ihrer guten Stube kauert? Sieh doch einfach hinaus, sieh auf das Thermometer und den glitzernden Kältetod auf deiner Terrasse. Dann wirst auch du verstehen, dass wir umdenken müssen. Wir sollten der Kälte des Winters mit menschlicher Wärme trotzen, den Unbilden der Natur die Liebe unserer Spezies ins eiskalte Antlitz schleudern, wir sollten uns in alle denkbaren Arme fallen und gemeinsam hoffen, dass wir überleben."

Die vorangegangenen 99 Begegnungen mit Harald ließen in mir den Verdacht keimen, dass meines Freundes Rede keinen esoterischen, sondern einen ganz pragmatischen Hintergrund haben musste. Also versuchte ich es mit einem Schuss ins Blaue: "Ist deine Heizung kaputt?"

Harald sackte förmlich in sich zusammen, als er ein Geständnis ablegte: "Ich schlafe nachts mit drei Trainingshosen und zwei Federbetten, der Monteur kann aber erst Mitte Januar kommen. Ich flehe dich an, mein Freund, mein Helfer, mein Retter – gewähr mir Asyl! Du bist doch ohnehin das Ping in meinem Pong, die zweite Seite meiner Medaille. Wir könnten eine wunderbare Männerwirtschaft anrichten, uns bekuscheln, wenn wir frösteln …"

Bevor mein Freund mir einen Heiratsantrag machen konnte, fiel ich ihm ins Wort: "Offensichtlich gebricht es dir weit mehr an Handwerkerleistungen als mir an Nächstenliebe, und deshalb sag’ ich ja. Aber du zahlst die Getränke."

Harald dankbares Lächeln bewies mir, wie unbezahlbar eine Männerfreundschaft sein kann. Sein letzter Satz aber ließ mir das Blut gefrieren: "Auf welcher Seite hast du eigentlich bisher geschlafen?"