Magdeburg l Der Name Chemnitz kursierte gestern bei den Gesprächen öfter im Hof der Festung Mark. Es war für so manchen Magdeburger der Siegertipp. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. 13.30 Uhr dann die Gewissheit. Die sächsische Stadt hat den Titel geholt.

Kurz zuvor war Sylvia Amann, Vorsitzende der europäischen Jury, auf der Videowand verschwunden und nach stillen Minuten wurde es plötzlich laut in der großen Runde. Mit dem Livestream aus Berlin gab es einige Übertragungsprobleme. Ton und Bild hakten einige Male. Alles lief glatt, als die Jubelbilder aus Chemnitz eingeblendet wurden und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) strahlend-glücklich zu sehen war. „Es wird der Stadt so guttun“, sagte sie. „Wir wollen viel mehr sein als die Bilder von 2018.“ Es gab anerkennenden Beifall der vielen Magdeburger, die sich eingefunden hatten.

Stadt setzt auf Kulturkonzept 2030

Für Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) war Chemnitz der größte Konkurrent. Die Enttäuschung war ablesbar, auch bei Kulturminister Rainer Robra, der wie auch Kulturstaatssekretär Gunnar Schellenberger (beide CDU) neben ihm stand. Versteinertes Gesicht auch bei Tamas Szalay, dem Leiter des Kulturhauptstadtbüros, der seinem Team wenig später dankte für die Energie, die aufgebracht wurde, auch in den vergangenen Wochen, als die Präsentationen wegen der Corona-Pandemie virtuell vorbereitet und durchgeführt werden mussten.

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Trümper schüttelte sich schnell, ging auf die Bühne ans Mikrofon und sagte, dass diese Enttäuschung nur bis zum Abend anhalte, dann lege er sich ins Bett und würde morgens frohen Mutes und mit Optimismus wieder aufstehen. „Wir haben Inspiration gesät und werden neue Ideen auf den Weg bringen.“

Kulturminister Robra: „In den vergangenen Jahren sind hier mit großem Elan Pläne geschmiedet und Konzepte für die Zukunft der Stadt entwickelt worden, die nun umgesetzt werden wollen, denn auch ohne Titel sind sie nach wie vor richtig und erstrebenswert.“ Das Land würde an der Seite von Magdeburg bleiben, sagte der Minister zu. 20 Millionen Euro hatte das Land für ein erfolgreiches Weiterkommen als Verpflichtungsermächtigung in den Haushalt eingestellt. Was noch fließen wird, bleibt offen. Vielmehr spricht der Landesminister davon, dass viele Projekte gerade mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auf die europäische Dimension des Magdeburger Rechts jetzt erst recht umgesetzt werden müssten. Das Magdeburger Recht war einer jener Punkte, deren Ausarbeitung der Jury 2019 zu kurz gekommen war. Damals wurde den Magdeburgern ans Herz gelegt, dessen Einzigartigkeit und Bedeutung für weite Teile Europas stärker zu thematisieren.

Trümper blickte nach vorn: Sanierung Hyparschale. Sanierung Stadthalle und Entwicklung dieses Stadtparkbereiches zu einem Kulturareal. Investitionen ins Technikmuseum. Weitere Zusammenarbeit mit freien Kulturträgern und mit europäischen Partnern. „Die Nachhaltigkeit bleibt“, unterstrich das Stadtoberhaupt.

Trümper vergleicht die Situation mit der im Jahr 2005 – damals war Magdeburg beim Wettstreit um den Titel der „Stadt der Wissenschaft“ Dresden unterlegen. Was für den Wettbewerb an Ideen entwickelt worden ist, wurde trotzdem in weiten Teilen Wirklichkeit. Damals ging es unter anderem darum, Strukturen für eine bessere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft zu schaffen. So dürfen die Magdeburger optimistisch bleiben: Wenn schon nicht alle – einige der Ideen werden auch so Wirklichkeit werden. Zumal sie nicht allein im Bewerbungsbuch aufgeschrieben waren, sondern auch Bestandteil des neuen Kulturkonzepts, das sich die Stadt als Rahmen für die Jahre bis 2030 vorgenommen hat.

Alles wäre einfacher gewesen

Nur: Mit einem Kulturhauptstadttitel wäre alles wohl einfacher gewesen. Denn mit dem Titel wären damals wie heute Fördergelder in Millionenhöhe verbunden gewesen. Und dass das Geld in den kommenden Jahren angesichts der Corona-Krise nicht vom Himmel fallen wird, ist kein Geheimnis.

Szalay sagte: „Wir werden in den kommenden Wochen noch eine Auswertung von der Jury bekommen. Diese werden wir uns ganz genau anschauen.“ In den vergangenen Monaten sei keine Zeit gewesen, jede Idee darauf abzuklopfen, inwiefern sie auch bei einer Niederlage umgesetzt werden könnte.

Grundlage für die Jury-Entscheidung waren die eingereichten 100-seitigen Bewerbungsbücher, die digitalen Stadtbesuche und die ebenfalls digital durchgeführte finalen Präsentationen der Bewerberstädte. Eine Begründung, was letztlich den Ausschlag für Chemnitz gab und was Magdeburg fehlte, gab es gestern (noch) nicht.