Magdeburg l Die Elbestadt war die erste Station im beruflichen Werdegang von Rolf Kuhrt. 1936 in Bergzow bei Genthin geboren, setzte er sich zwischen 1954 und 1956 in der Fachschule für angewandte Kunst auf die Schulbank, sammelte das notwendige Rüstzeug für seine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler im Genthiner Waschmittelwerk. Nach deren Abschluss führte ihn sein Weg direkt nach Leipzig. Die renommierte Hochschule für Grafik und Buchkunst bot ihm beste Bedingungen und Dozenten mit Rang und Namen. Bis 1962 studierte er unter anderem bei Prof. Wolfgang Mattheuer, Prof. Irmgard Horlbeck-Kappler und Prof. Bernhard Heisig.

Nur kurze Zeit verließ Kuhrt die Bildungseinrichtung, die einmal so etwas wie seine künstlerische Heimat werden sollte. Lehrbeauftragter, Dozent und dann eine Professur, die Hochschule wurde durch ihn bis 2001 schließlich wesentlich mitgeprägt.

Vielfalt ist bis heute angesagt

Das eigene Schaffen blieb stets wichtig. Vielfalt ist bis heute angesagt. Die opulente Schau an traditionsreicher Stätte in Magdeburg belegt es. Behutsam nähert sich das Forum Gestaltung, das in den Räumen der Anfang der 1960er Jahre geschlossenen Kunstgewerbe- und Handwerkerschule seinen Sitz hat, seit geraumer Zeit den Traditionslinien des Hauses an. Die einstige Ausstellungshalle hat inzwischen ihre ursprüngliche Bedeutung wieder erhalten. Zum größten Teil kann der Besucher die originale Raumsituation von 1911 und damit ein wenig vom Geist jener Zeit erleben, als Stadt und Schule an dieser Stelle die Öffentlichkeit suchten.

Mit Rolf Kuhrt wird nun nicht zum ersten Mal ein Künstler aus der Region Magdeburg vorgestellt. Der Verein hat ein schlüssiges Konzept, das trägt. Kuhrts Œuvre erfährt eine Würdigung – in diesem Umfang erstmals in der Landeshauptstadt. „Hiob ich Kassandra ich Candide“ zeigt die Vielfalt eines Mannes, dessen Schaffen kaum künstlerische Brüche aufweist und bis in die Gegenwart von einer ungeheuren Wucht und Kraft getragen wird.

Lediglich die Plakatgestaltung blieb in Magdeburg außen vor. Sie hätte den Rahmen gesprengt. Allein die breite Palette der Arbeiten verlangt volle Konzentration. Es ist keine leichte Kost. Man spürt die Einflüsse der Leipziger Schule, der sich Kuhrt – obwohl Schüler deren bedeutendster Vertreter – nur bedingt zugehörig fühlte.

Figuren aus der Literatur prägen Sicht

Figuren aus Literatur und Mythologie prägen seine Sicht der Dinge. In der DDR war eine Befragung der Welt auf diese Weise legitim und angesagt. Der alttestamentarische Hiob, Voltaires Candide und Kassandra, die Seherin der griechischen Mythologie und Tochter des trojanischen Königs Priamos, gewannen bei Kuhrt Ausdrucksstärke, griffen große Themen auf. Dabei zählt, wie in der ostdeutschen Kunst jener Zeit durchaus an der Tagesordnung, das Figürliche. Es ist das Maß der Dinge, aber auch die Möglichkeit, expressive Ausdrucksformen abzuleiten und zu verfolgen.

Es gelingt der Magdeburger Ausstellung, den wachen Zeitgeist eines Mannes zu zeigen, der von Vitalität bis ins hohe Alter geprägt wird. Schnörkellos spricht er den Betrachter an, lässt seinen Gedanken freien Lauf.

Der Blick weitet sich in eine Szenerie von Figuren und Themen und zeitlich bis in die jüngste Gegenwart auf ein Werk von großer Intensität und Vitalität. Gerade in den großformatigen Zeichnungen der letzten Jahre erweist sich Rolf Kuhrt als lebendiger, ganz bewusst den Problemen der Gegenwart verschwisterter Künstler von verblüffender Direktheit und großer künstlerischer Kühnheit.

Aus dem Jahr 1983 stammt sein Gemälde „Schlaft nur, schlaft, ihr habt ja Schiller und Goethe“. Damit betitelt er die Menschengruppe, der modernes Kunstgeschehen im etablierten Umfeld suspekt oder egal zu sein scheint. „Selbst (brennend)“ entstand 2016 und drückt offenbar Zweifel an der umgebenden Welt aus. Da kommt eine Spur der Kassandra’schen Weissagungen, die Unheil voraussehen, zum Tragen. Und wie nah wirkt da der „Mann im Nebel“, 35 Jahre früher gemalt, emotional aufgeladen und in Kuhrt’scher Direktheit.

Die Ausstellung ist bis zum 10. Dezember mittwochs bis sonntags von 14 bis 18 Uhr im Magdeburger Forum Gestaltung in der Brandenburger Straße 10 zu sehen.