Kunstbiennale in Lyon: Die Welt mit ihren Widersprüchen
Zerplatzte Autoreifen: Auf der Kunstbiennale in Lyon hinterfragen Künstler aus 28 Ländern die Welt von heute.
Lyon (dpa) - Die Frauen sind mit wertlosem Tand geschmückt, ihr Blick ist hoffnungslos: Die lebensgroßen Marmorfiguren der Künstlerin Andra Ursuta sind von einem Foto inspiriert, das eine Roma-Frau zeigt, die aus Frankreich ausgewiesen wurde.
Der Engländer Mike Nelson zeigt unter dem Titel M6 eine Installation aus zerplatzten Reifen, die er auf Autobahnen gefunden hat. Künstlerische Visionen, die die diesjährige Kunstbiennale in Lyon unter dem Motto Das moderne Leben (La vie moderne) bis zum 3. Januar präsentiert.
Unter dem Begriff modern sei weder Modernismus noch Modernität zu verstehen, sondern vielmehr die zeitgenössische Welt mit ihren Widersprüchen, sagte der amerikanische Kurator Ralph Rugoff. Ein komplexes und weites Thema, wie Thierry Raspail ergänzt. Der 64-jährige Kunsthistoriker hat 1991 die Biennale mitgegründet, die heute zu den wichtigsten Schauen moderner Kunst gehört. Hauptveranstaltungsort sind neben dem Mac, dem Museum für zeitgenössische Kunst, die Silos und Hallen der Sucrière, eine ehemaligen Zuckerfabrik im Szenenviertel Confluence. Insgesamt finden mehr als 200 Veranstaltungen statt.
Die Sichtweisen der 60 Künstler aus 28 Ländern spiegeln die Weitläufigkeit des Begriffs wider. So lässt der Franzose Céleste Boursier-Mougenot Kirschkerne auf Schlagzeuge regnen in Anspielung auf unsere von Tönen- und Frequenzen saturierte Welt. Unter dem Titel Emergency Blanket (etwa: Notfalldecke) zeigt der deutsche Künstler Klaus Weber eine leblos unter einer Rettungsdecke liegende Skulptur.
Dem Neuseeländer Simon Denny geht es in seiner Installation The Personal Effects of Kim Dotcom um Gesetze, Grenzüberschreitungen und die Definition von Unterhaltung. In seiner raumausgreifenden Arbeit hat der in Berlin lebende Künstler alle 110 Objekte rekonstruiert, die das FBI 2012 bei einer Razzia des Internet-Unternehmens Megaupload des gebürtigen Deutschen Kim Dotcom konfisziert hatte, darunter auch eine lebensgroßen Predator-Statue.
Die Arbeiten der Künstler sind zeitkritisch. Sie behandeln Themen zu den Problemen nationale Identität und Integration, Umwelt, Kommunikation und Arbeitslosigkeit. Dabei kommen sie ohne Schockbilder und Provokationen aus - und regen dennoch zum Nachdenken an.