Magdeburg l Ihre Sammlung ist abgeschlossen, das Sammeln nicht. Manon Bursian, Chefin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, sammelt nicht das, womit sie jeden Tag zu tun hat und von dem sie begeistert ist: zeitgenössische Kunst aus Sachsen-Anhalt. Die empfiehlt sie anderen und hofft, dass deren Sammlungen wachsen. Manon Bursian selbst hat die Zeit ihres intensiven Sammelns hinter sich. Vorerst. Vielleicht.

Zumindest ist ihre Sammlung mit Fotografien der 80er Jahre von zehn Sankt Petersburger Fotografen abgeschlossen. Sie entstand, als Bursian von 1996 bis 2002 am Goethe-Institut in Sankt Petersburg arbeitete. Da lernte sie zum Beispiel Vladimir Antoschenkov, Stanislav Chabutkin und Alexander Kitaev und deren Fotoarbeiten kennen und kaufte Bilder von ihnen. An diesen Bildern und denen ihrer Kollegen Igor Lebedev, Yevgeny Mokhorev, Boris Smelov faszinieren die Sammlerin nicht nur die meist alltäglichen, wenig spektakulären Motive, sondern auch die Lebensbedingungen, unter denen sie entstanden.

Denn in Russland existiert keine staatliche Künstlerförderung, wie wir sie kennen. Die Künstler sind oft arm. „Doch sie haben trotz aller Widrigkeiten durchgehalten, haben immer weiter fotografiert“, sagt Manon Bursian über „ihre“ Künstler, zu denen außerdem Maria Snigirevskaya, Alexander Sokolow, Lyudmila Tabolina und Andrej Chezhin gehören. Manchmal, wenn eine Arztrechnung zu bezahlen war, konnten die Künstler sie auch mit Hilfe von Bursians nächstem Fotoankauf bezahlen.

Noch heute pflegt die Leiterin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt Freundschaften zu den Künstlern in Sankt Petersburg. Manchmal besuchen sie sich, häufig schickte sie ihnen Ersatzteile für deren alte Leica-Fotoapparate. Denn keiner von ihnen ist zur Digitalfotografie übergegangen. Keiner fotografiert in Farbe. Alle sind, wenn sie noch arbeiten, bei der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie geblieben und entwickeln ihre Bilder selbst. „Ich folge manchen in den sozialen Netzwerken und sehe, dass sie immer ihre alten Bilder ins Netz stellen, sich mit diesen Motiven vorstellen und identifizieren“, sagt Manon Bursian, die zum Gespräch über ihre Sammlung nicht nur ihr russisches Geschirr herausgeholt, sondern auch einen russischen Apfelkuchen gebacken hat.

Aus Begeisterung für die russische Schwarz-Weiß-Fotografie und aus der Freundschaft zu den Fotografen ist eine sehr besondere Sammlung entstanden. Nicht riesig – es sind knapp einhundert Fotos – nicht thematisch breit, vielmehr Ausdruck eines verschwundenen Lebensgefühls, das die ehemalige Goethe-Instituts-Mitarbeiterin Manon Bursian und die Künstler verband. Es ist nicht das neue Russland mit seinem Glamour und seiner häufig sehr politischen und provokanten Kunst, sondern eine fast zeitlose Zeit in einer verfallenden Stadt, die Manon Bursian als „die schönste der Welt“ bezeichnet.

Melancholische Fotosammlung

Nach Ansicht ihrer Fotosammlung muss man sagen, es ist (oder war) wohl auch die traurigste. Denn die Fotos zeigen vor allem melancholische Blicke auf eine wie verwunschen wirkende, längst vergangene Zeit: Da sind die verwaschenen, geheimnisvoll vernebelten Bilder von Lyudmila Tabolina, die wenig glamourösen Architekturbilder von Alexander Kitaev oder die melancholischen Stadtansichten von Stanislav Chabutkin.

Das Platzproblem ist für Manon Bursian, wie für die meisten Sammler, ein wichtiges, aber niemals das Entscheidende. Fotos lassen sich einfach aufbewahren. Bei Gemälden ist das schon anders. Gerade hat sie ein Gemälde von Lars Peterson gekauft und zahlt es nach und nach ab. Es füllt eine der wenigen bücherregalfreien Wände und wirkt wie der Vorbote einer neuen Sammlung, von der die Sammlerin selbst noch nichts ahnen will.