Köln l Louise Aston (1814–1871) trug Hosen, rauchte öffentlich und scherte sich wenig um die öffentliche Meinung. Die Biografie der in Gröningen bei Halberstadt geborenen „Schriftstellerin und Kämpferin für die Frauenemanzipation“ ist eine von 130 Lebensbeschreibungen, die der jetzt erschienene zweite Band des Lexikons „Frauen in Sachsen-Anhalt“ versammelt.

Eine typische Biografie ist es nicht, denn Louise Aston konnte sich ihr aufsehenerregendes Leben leisten, weil sie trotz Scheidung finanziell abgesichert war. Viele der in diesem Lexikon erstmals porträtierten Frauen hatten es nicht so komfortabel, erkämpften sich das Immatrikulations- und das Wahlrecht und arbeiteten für den eigenen Lebensunterhalt, in eigenen Unternehmen, gründeten Krankenhäuser, Schulen, bewirtschafteten riesige Flächen, wurden „Soldat“, richteten die weltweit erste Frauenmilchsammelstelle ein, bauten Häuser, schrieben Bestseller, wurden Politikerinnen. Manche waren die Ersten in ihrem Beruf, und doch sind viele Namen und Biografien heute vergessen. Der von Hedwig Courths-Mahler sicher nicht.

Millionenfache Auflagen

Die 1867 in Nebra geborene uneheliche Tochter einer späteren Prostituierten schrieb 206 Romane mit millionenfacher Auflage und hat eine riesige Fangemeinde, die bis heute die Bücher der in Weißenfels aufgewachsenen Schriftstellerin liest und liebt.

Auch Elisabeth Förster-Nietzsche, die 1846 in Röcken bei Lützen geboren wurde, gehört zu den noch heute bekannten Frauen aus Sachsen-Anhalt, deren Wirken die Forschung beschäftigt. Wie sehr, zeigen die biografischen Notizen von Christian Niemeyer, Professor für Sozialpädagogik in Dresden, der die Biografie allein für eine Abrechnung mit den Fälschungen am Werk und Willen Nietzsches durch seine Schwester nutzt. Zum Glück ist diese Art der bewertenden Beschreibung eine Ausnahme im Buch. Die meisten der 89 Autoren stellen Leben und Leistungen der Frauen, unter denen auch viele heute wenig bekannte Schriftstellerinnen sind, lexikongerecht vor.

Etwa das von Hertha Deutsch (1897–1980), die einige Jahre mit ihrem Ehemann in Magdeburg lebte und unter dem Pseudonym Adrienne Thomas den pazifistischen Roman „Die Katrin wird Soldat“ (1929) schrieb. Das Buch gehörte wegen seiner pazifistischen Grundaussage zu den ersten, die 1933 verbrannt wurden. Heute wird es mit Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ verglichen.

Erste Chirurgin in Magdeburg

Während es Schriftstellerinnen schon immer gab, konnte es Akademikerinnen und Ärztinnen erst mit der Einführung des Immatrikulationsrechts für Frauen geben. Louise Ebmeier (1879–1964) gehörte zu den ersten vier Studentinnen, die sich 1908 in Marburg für das Medizinstudium einschreiben konnten. Nach dem Studium wurde sie die erste Chirurgin in Magdeburg. Nachdem sie einen Arm verloren hatte, arbeitete sie als niedergelassene Orthopädin in Magdeburg. Ihrer Praxis angeschlossen war ein Turnsaal für therapeutische Zwecke.

Die Bäuerin Else Haberhauffe (1880-1938) dagegen profitierte höchstens indirekt von den neuen Frauenrechten. Sie führte ihre Landwirtschaft in Eickendorf (im Salzlandkreis) nach dem Tod ihres Mannes allein und äußerst erfolgreich weiter. Die Güte ihres Boden wurde zum Eichmaß für die Bewertung von Böden in der Landwirtschaft – bis heute.

Herausgeberin Eva Labouvie ist Professorin für Geschichte der Neuzeit mit dem Schwerpunkt der Geschlechterforschung an der Universität Magdeburg. Sie widmet das Lexikon besonders jenen Frauen, „die mit ihren politischen Aktivitäten oder einfach nur, indem sie als Pionierinnen mutig voranschritten, den Weg für Chancengleichheit und Gleichberechtigung ebneten und Widerstand gegen Unterdrückung und Ausgrenzung leisteten“.

Das klingt gut, doch ob damit die Beweggründe aller Frauen beschrieben sind, mag man bezweifeln. Denn viele lebten kein bewusstes Aktivistinnen- oder Pionierinnenleben, sondern gestalteten auf beeindruckende Weise ihr „normales“ Leben.

Sophie von Boetticher (1851-1939) zum Beispiel, die neun Kinder hatte, von denen nur drei sie überlebten. Man könnte meinen, sie wäre mit dieser großen Familie und den Repräsentationspflichten als Ehefrau des Oberpräsidenten der Provinz Sachsen aufgefüllt gewesen. Doch Sophie von Boetticher wurde nicht als Ehefrau, sondern als Gründerin der ersten Lungenheilstätte für Frauen in Vogelsang bei Gommern (1899) bekannt. Ihre Biografie und die vieler anderer unbekannter oder allenfalls lokal bekannter Frauen zu recherchieren und zu veröffentlichen, ist die unbestrittene Leistung dieses Lexikons.

Eva Labouvie (Hg.): „Frauen in Sachsen-Anhalt 2. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon vom 19. Jahrhundert bis 1945", Böhlau Verlag, Köln, 420 Seiten, 50 Euro.