Mühlbeck (dpa) l Seit 20 Jahren dreht sich in Mühlbeck-Friedersdorf (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) fast alles um das Buch. Der Ort bei Bitterfeld war nach der Wende von hoher Arbeitslosigkeit geprägt. Die Chemieindustrie und der Braunkohleabbau, Jahrzehnte Synonyme für die Region, wurden abgewickelt. Die Menschen sahen sorgenvoll in die Zukunft. In dieser Situation kam Heidemarie Dehne, eine gebürtige Rheinländerin, in den Ort. Sie war auf der Suche nach einem beruflichen Neuanfang und fand ihn genau hier. Sie sah die Möglichkeiten: Die Landschaft war zwar gebeutelt, aber mit den schwindenden Rauchschloten würde sich die Umwelt erholen – und damit entstünde Potenzial für Tourismus und Naherholung. Und für sehr, sehr viele Bücher.

Dehne startete 1997 in Mühlbeck das erste Buchdorf Deutschlands. „Keiner glaubte an meine Vision, nur der Bürgermeister und der Gemeinderat unterstützten mich“, sagt die heute 74-Jährige. „Das Konstrukt eines Buchdorfes war ja in Deutschland völlig neu.“ Viele Bewohner im Ort gaben dem Projekt anfangs kaum Chancen. Sie meinten: Wer soll schon hierher kommen und Bücher kaufen? Auch die etablierten Buchhändler sahen das Ganze zunächst skeptisch und empfanden die neuen Händler als Konkurrenz. „Inzwischen kaufen viele von ihnen selber im Buchdorf ein“, berichtet Dehne.

Die Idee des Buchdorfes stammt aus Hay-on-Wye (Wales/Großbritannien). Richard Booth hat dort 1961 damit angefangen. „Das war in Wales auch eine strukturschwache Region. Und ich sagte mir, wenn es dort funktioniert hat, warum nicht auch bei uns?“, sagt Dehne im Rückblick.

Weltweit 30 Buchdörfer

In Deutschland folgten andere Gemeinden – beispielsweise im brandenburgischen Wünsdorf, knapp 40 Kilometer von Berlin entfernt.

Weltweit gibt es laut Dehne etwa 30 Buchdörfer. Sie verfügen über eine besonders hohe Anzahl an Antiquariaten, für die sie meist weithin bekannt sind. Dies soll Gäste anlocken und so Tourismus und Gastronomie fördern. Dehne führt ihr Antiquariat noch immer in einem ehemaligen Dorfkonsum. Das Haus kaufte sie und ließ es sanieren. In den unteren Räumen stehen übervolle Regale, das ganze Gebäude scheint Bücher zu atmen. Rund 128.000 Bücher sind dort untergebracht, ein Lesecafé sowie vier Ferienwohnungen.

„Kinderbücher und Krimis sind besonders gefragt. Derzeit am besten verkauft sich das Buch „Mohr und die Raben von London“ von Vilmos und Ilse Korn“, schildert die Buchdorfgründerin. Zudem wird das Internet immer wichtiger für das Geschäft.

Mittlerweile wird ein großer Prozentsatz der Bücher übers Netz verkauft, erklärt Mitarbeiterin Bärbel Franz. Sie ist hauptsächlich für das Erfassen und Verschicken der Bücher zuständig.

Antiquare andernorts zeigen sich mit Blick auf die Buchdörfer gelassen. „Ich habe mit Buchdörfern keine Probleme, ich habe sogar am Anfang im Buchdorf Mühlbeck selber Bücher gekauft“, sagt der Leipziger Antiquar Dieter Trier. „Das Internet bietet ja einen Marktplatz und der Kunde kauft dort, wo er ein günstiges Angebot bekommt. Bei einem Buchdorf müssen Angebot und Umfeld stimmen.“ Eine Region könne sich über das Buchdorf vermarkten.

Eine halbe Million Bücher

„Wir betreiben ein klassisches Antiquariat mit Papierantiquitäten, das ist ein anderes Geschäftsfeld als ein Buchdorf. Ich habe kein Problem mit Buchdörfern“, sagt der Dresdner Antiquar Gregor Bachmann. „Im Regelfall hat sich der Markt sowieso in Richtung Internet gedreht.“ Dort gebe es entsprechende Plattformen, die Bücher im Cent-Bereich ankauften.

Die Läden im Buchdorf haben insgesamt eine halbe Million Bücher aller Sparten. Es ist Dehne anzumerken: Sie ist stolz auf das Erreichte und sprüht noch immer vor Enthusiasmus. „Wir feiern am 30. September unser Jubiläum und dabei wird auf Deutschlands drittgrößtem Freiluftschachbrett erstmals gespielt“, sagt die Initiatorin.