Von einem Missverständnis spricht der Literaturexperte Günter Berg, wenn es um die Deutung des Romans „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz geht. Sie zeige eine Sehnsucht des Lesers, dass Literatur detailgenau über die Realität aufkläre. Lenz sei es um einen Konflikt zwischen Künstler und Nazis gegangen – und diesen habe es gegeben. Damit hat er Recht. Es ist nicht die Aufgabe eines Schriftstellers, die Realität abzudecken, er hat nicht die Chronistenpflicht eines Journalisten. Allerdings ist Günter Berg keinesfalls ein neutraler Experte, sondern der Vorstand der Siegfried-Lenz-Stiftung. Seine Verteidigung trägt also ein gewisses Geschmäckle.

Hinweise auf die ideologische Nähe Noldes zu den Nazis sind dokumentiert, die Ausstellung über den Künstler im Nationalsozialismus zieht tausende Besucher an. Literatur hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit – eine kritische Interpretation ist jedoch nicht nur Experten, sondern jedem Leser vorbehalten.