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Schriftsteller Davide Longo entführt den Leser in ein Italien der nahen Zukunft, in dem das pure Faustrecht herrscht Moral und Menschlichkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt

28.04.2012, 03:26

Berlin (dpa) l Die westliche Welt scheint zerbrechlich, bedroht, möglicherweise schon dem Niedergang geweiht - die pessimistischen Stimmen in der Literatur mehren sich. Erst letztes Jahr erschien bei uns Gary Shteyngarts "Super Sad True Love Story", das Porträt einer verfallenden Supermacht. Doch Shteyngarts dahinsiechende Vereinigte Staaten sind nichts im Vergleich zum maroden, degenerierten Italien, das uns Davide Longo in seinem Buch "Der aufrechte Mann" präsentiert.

Dieses Italien in der Mitte der 21. Jahrhunderts ist ein zerbrochener, gesetzloser Staat. Es herrscht blanke Anarchie. Die Gesellschaft wird auf ihren archaisch-primitiven Urzustand zurückgeführt. Verdi, Gucci und Barolo? Das war einmal. Heute gilt allein das Faustrecht.

Schon mit seinem ersten Buch "Der Steingänger" hat der Turiner Autor aufhorchen lassen und wurde von der Kritik als vielversprechende Neuentdeckung gefeiert. Diesen Ruf untermauert Longo nun mit seinem neuen Roman von geradezu biblischer Wucht. Zwar streift er darin das Science-Fiction-Genre, doch weist "Der aufrechte Mann" weit darüber hinaus. Denn es geht Longo nicht um Effekte und vordergründige Action, sondern um Moral und Menschlichkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt.

Mit genauen Angaben geizt der Autor. Städte kommen nur mit ihren Anfangsbuchstaben vor. Auch wird nicht erwähnt, was den Niedergang des Landes bewirkt haben mag. Der Leser ahnt nur, dass er mit Korruption und Misswirtschaft im Zusammenhang stehen muss. Sehr deutlich wird dagegen der Ist-Zustand geschildert. Die Verwaltung funktioniert nicht mehr, Lebensmittel und Sprit werden knapp, Telefon und Internet sind zusammengebrochen. Nur das Radio dudelt ununterbrochen nostalgische Schlagermusik.

Die Nationalgarde versucht verzweifelt, eine rudimentäre Ordnung aufrechtzuerhalten, kann aber nicht verhindern, dass immer mehr gesetzlose Banden ihr Unwesen treiben. Viele Italiener sind schon in die Schweiz oder nach Frankreich geflüchtet. Doch die Grenzen werden dicht gemacht.

Obwohl alles um ihn herum erodiert, versucht Leonardo anfangs, das um sich greifende Chaos zu ignorieren. Auf dem Land pflegt er seinen Garten und seine Weinreben. In seinem früheren Leben arbeitete er als Professor an der Uni und schrieb Bücher. Doch eine unbedachte Affäre mit einer Studentin warf ihn jählings aus der Bahn. Seine Ehe wurde geschieden. Seine Tochter hat er seit Jahren nicht mehr gesehen. Doch jetzt in der Krise stehen Ex-Frau Alessandra und Tochter Lucia plötzlich vor ihm. Alessandra will in die Schweiz, die Tochter und einen Sohn aus zweiter Ehe lässt sie bei ihm, um sie später nachzuholen. Doch sie kommt nie wieder.

Eindrücklich und erschreckend

Als Leonardos Haus geplündert und zerstört wird, kann auch er die Fakten nicht länger ignorieren. Mit den Kindern begibt er sich auf die Flucht, will sich nach Frankreich durchschlagen. Doch es wird ein Horrortrip, eine Odyssee durch ein entfesseltes Land, heimgesucht von marodierenden Banden, die Angst und Schrecken verbreiten. Auch für Leonardo und seinen kleinen Trupp spitzt sich die Lage dramatisch zu.

Sie geraten in die Fänge einer von einem selbst ernannten Messias fehlgeleiteten Kinderbande, die nach primitivsten Gesetzen lebt: Beute, Wettkampf, Rausch und Paarung. Doch auf dem absoluten Tiefpunkt seiner Existenz wächst Leonardo, dieser bisher so "unzulängliche Mann", über sich selbst hinaus. Er wird zum Verfechter der verschütteten Werte von gestern, von Moral und Menschlichkeit.

Longos apokalyptischer Roman erinnert an die Endzeitszenarien eines William Golding ("Herr der Fliegen") und Cormac McCarthy ("Die Straße"). In seiner Düsternis und teilweise auch brutalen Gewalt ist er manchmal schwer zu ertragen, möchte man ihn fast aus der Hand legen. Doch dann zieht er einen wieder sprachgewaltig fort. Longo ist eine eindrückliche und erschreckende Parabel auf das Sprichwort "homo homini lupus - der Mensch ist des Menschen

Davide Longo: Der aufrechte Mann, Rowohlt Verlag, Reinbek, 480 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-498-03935-6