Berlin (dpa) l Marius Müller-Westernhagen will nach den Antisemitismus-Schlagzeilen um den Musikpreis Echo alle seine Trophäen zurückgeben. Das kündigte der Musiker am Dienstag auf Facebook an. „Die Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis demotiviert die Kreativen und nimmt dem künstlerischen Anspruch die Luft zum Atmen. Eine neue Stufe der Verrohung ist erreicht“, erklärte er.

Am vergangenen Donnerstag waren die Deutsch-Rapper Kollegah und Farid Bang für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ ausgezeichnet worden. Es enthält Textzeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“. Dass diese Musik beim Echo preiswürdig ist, hatte heftige Kritik und eine Debatte um Antisemitismus ausgelöst.

„Ich bin nicht der Meinung, dass die mit dem Echo ausgezeichneten Rapper Antisemiten sind. Sie sind einfach erschreckend ignorant“, schrieb Müller-Westernhagen.

Nach der Empörung über die Echo-Auszeichnung für die Rapper Kollegah und Farid Bang hat der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, seinen Rücktritt aus dem Ethik-Beirat des Musikpreises angekündigt. Unter den bestehenden Rahmenbedingungen werde er nicht weiter in dem Gremium mitarbeiten, erklärte Höppner am Dienstag. Zugleich kündigte er an, dass sich der Kulturrat künftig schwerpunktmäßig mit den Grenzen der Kunstfreiheit befassen werde.

Der Ethik-Beirat hatte vor der Preisvergabe die Textzeilen der Rapper kritisiert, aber gegen einen Ausschluss von der Preisverleihung votiert. Kulturratspräsident Höppner erklärte, der Beirat habe sich in Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Nichtzulassung zugunsten der Kunstfreiheit durchgerungen: „Diese Entscheidung war ein Fehler.“ Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, Florian Drücke, hat inzwischen eine Überarbeitung des Preises angekündigt. Dies schließe eine umfassende Erneuerung der Mechanismen von Nominierung und Preisvergabe ein. Änderungen sind noch nicht bekannt.

Echo-Veranstalter reagiert auf Kritik

Am vergangenen Sonntag hatte das Notos Quartett auf seiner Facebook-Seite erklärt, dass es aus Protest seinen „Echo Klassik 2017“ zurückgegeben hat. Auch Beatles-Wegbegleiter Klaus Voormann, der Pianist Igor Levit, der Dirigent Enoch zu Guttenberg und der Violinist Andreas Reiner vom Orchester Klangverwaltung kündigten Berichten zufolge die Rückgabe des Preises an. Am vergangenen Montag forderte der Sänger Peter Maffay die Verantwortlichen des Echos zum Rücktritt auf.

Der Echo-Veranstalter reagiert am Montagabend auf die Kritik und die Rückgabe der Preise mit Bedauern: „Wir hoffen, dass die Künstler trotzdem die Debatte mit uns weiter führen, in der es um mehr als um diesen Musikpreis geht“, hieß es auf der Facebook-Seite des Preises.

Der Medienpsychologe Groebel sagte, die nachvollziehbaren kritischen Reaktionen sorgten unfreiwillig noch für eine Steigerung des Ruhms und vermutlich des Markterfolgs der Rapper. „Ihr Kalkül sind der Skandal und der Schock“, sagte Groebel in der „Heilbronner Stimme“ über die Preisträger. Dies sei der „Preis der öffentlich geführten Debatte“. Sie müsse aber geführt werden. „Im Halb-Untergrund lebt die Szene ja weiter.“ Das zeige sich auch darin, dass der Echo explizit auf Verkaufszahlen beruhe. „Es gibt also Hunderttausende von Fans, die von der Musik und den Texten angesprochen werden“, erklärte der Medienwissenschaftler. „Das kann man nicht ignorieren.“

Vorstand möchte Fehler vermeinden

Für den Echo nominiert werden je Kategorie die Künstler oder Bands, die in den deutschen Charts auf den fünf besten Rängen platziert sind. Landet ein Album auf dem Index für jugendgefährdende Medien, fällt es automatisch von der Liste. Charterfolg und die Stimmen von Fachjuroren werden am Ende zusammengezählt und entscheiden so über die Echo-Preisträger. Der Veranstalter des Musikpreises Echo hat die Trophäe für das als antisemitisch kritisierte Rap-Album von Kollegah und Farid Bang als „Fehler“ bezeichnet.

Das schrieb der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, Florian Drücke, am Dienstag in einem Brief an die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. „Wir entschuldigen uns ausdrücklich dafür – bei Ihnen und allen anderen Menschen, deren Gefühle wir verletzt haben.“ Knobloch hatte die Auszeichnung als „verheerendes Zeichen“ bezeichnet. Gerade erst entstehe in Deutschland die „ersehnte Sensibilität für den erstarkten Antisemitismus in unserer Gesellschaft, insbesondere an Schulen“.

Knobloch habe mit ihrer Kritik vollkommen recht, so Drücke. „Wir als Vorstand haben das falsch bewertet und wollten uns an der falschen Stelle für die künstlerische Freiheit einsetzen.“ Das Geschehene sei nicht mehr rückgängig zu machen. „Wir können allerdings vermeiden, dass solche Fehler in Zukunft wieder geschehen.“