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Ohne Spezialeffekte - Emmerichs Stonewall

Schon vor dem Kinostart macht Stonewall Schlagzeilen. Schwule und Transsexuelle werfen Roland Emmerich vor, sein Film sei weißgewaschen. Er zeige vor allem das Schicksal weißer Homosexueller. Was ist dran an dem Vorwurf?

Von Elke Vogel, dpa 18.11.2015, 15:16
Danny Winters (Jeremy Irvine, r) und Ray (Jonny Beauchamp) in einer Szene des Films "Stonewall" . Foto: Philippe Bosse/Warner Bros.
Danny Winters (Jeremy Irvine, r) und Ray (Jonny Beauchamp) in einer Szene des Films "Stonewall" . Foto: Philippe Bosse/Warner Bros. Warner Bros.

Berlin (dpa) - Für den deutschen Hollywoodregisseur Roland Emmerich ist sein neuer Film eine echte Herzensangelegenheit. Der selbst offen schwule Filmemacher bringt mit Stonewall ein wichtiges Kapitel Geschichte auf die Kinoleinwand. Es geht um den Aufstand von Homosexuellen, die sich 1969 nach einer Polizeirazzia in der Schwulen-Bar Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street erstmals gegen willkürliche Kontrollen und Diskriminierung wehrten. Der Christopher Street Day erinnert heute weltweit jedes Jahr an die Vorfälle.

Doch Blockbuster-Experte Emmerich - seit Jahrzehnten Spezialist für Katastrophenfilme wie Independence Day und The Day After Tomorrow - legt den Schwerpunkt nicht auf die Entstehungsgeschichte der Schwulenbewegung - der Stonewall-Aufstand wird eher am Rande abgehandelt. Im Mittelpunkt seiner fiktiven Emanzipationsstory steht der von seinen Eltern verstoßene Danny, gespielt von dem aus War Horse bekannten Jeremy Irvine.

Der unbedarfte Heranwachsende aus der tiefsten amerikanischen Provinz trifft in Greenwich Village großäugig staunend auf eine schillernde Truppe von jungen Schwulen, Transvestiten und Transsexuellen. Jonny Beauchamp (Penny Dreadful) läuft da mit seiner Darstellung des transsexuellen Latino Ray, der seinen dürftigen Lebensunterhalt als Stricher verdient, der Hauptfigur eindeutig den Rang ab.

Der Auftritt der multiethnischen Clique entkräftet vielleicht teilweise den Vorwurf der LGBT-Gemeinde - der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Sie hatten Emmerich nach Veröffentlichung der ersten Filmtrailer Whitewashing vorgeworfen. Sein Film sei weißgewaschen, weil er nicht die ganze Vielfalt sexueller Orientierungen und der ethnischen Zugehörigkeit der Aktivistenszene zeige.

In Emmerichs Stonewall geht es aber sowieso erst in zweiter Linie um die Initiatoren der Emanzipationsbewegung. Stonewall stellt die persönlichen Schicksale der jungen Menschen in den Fokus, die von der reaktionären Gesellschaft verfolgt, ausgegrenzt und in Obdachlosigkeit und Illegalität getrieben werden. Das wirkt mangels differenzierter Figurenzeichnung allerdings wenig subtil, sondern oft eher pathetisch und kitschig.

Stonewall ist nach Anonymous (2011) erneut ein seriöser Emmerich-Film jenseits der Action-Katastrophenstreifen und ganz ohne Spezialeffekte. An den US-Kinokassen war Stonewall ein Flop - wie bereits das Historiendrama Anonymous über William Shakespeare und die Frage, ob der Dramatiker seine Werke tatsächlich selbst schrieb. Für 2016 hat Emmerich eine Fortsetzung von Independence Day und einen erneuten Angriff der Außerirdischen auf die Erde angekündigt.

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