Quedlinburg l Bei Zweistädtehäusern, wie dem Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt und Quedlinburg, hat immer nur ein Haus wirklich das Privileg der ersten Nacht. Dass man in Halberstadt aus der Premiere von Joseph Haydns „Il mono della luna“ gleich ein Fest gemacht hat, liegt auf der Hand. Dass aber die Premiere in Quedlinburg, die am Wochenende folgte, mit dem großen Sommerspektakel einer Neuvertonung von „Carmina Burana“ durch die Berliner Band Corvus Corax auf dem Markt konkurrieren musste, war Künstler- bzw. Planungspech. Die meisten potenziellen Zuschauer haben das Bühnenvergnügen also noch vor sich.

Dabei hätte die flott verjüngte, selten gespielte Haydn-Oper, deren Musik gelegentlich auf Mozarts „Zauberflöte“ vorausweist, alle Chancen, in einem voll besetzten Haus beim Publikum zu zünden. Regisseurin Susanne Knapp und Maxim Hofmann haben mit ihrer Neubearbeitung von „Die Welt auf dem Monde“ (gesungen wird auf Deutsch) nämlich auf ziemlich irdische Wiedererkennungseffekte gesetzt.

Die Mitglieder der Familie Bonafede und die, die es werden wollen, langweilen sich schon in Carlo Goldonis Vorlage, zu der Joseph Haydn 1777 seine siebente italienische Oper komponierte. Und kommen auf dumme oder zumindest recht abwegige (Reise-)Gedanken. Sie erfinden sich eine paradiesische Mondgesellschaft und einen Familienausflug dorthin. Ausstatter Jakob Knapp hat sie allesamt in einem anheimelnden Kantinenraum versammelt. Mit allem, was dort gewöhnlich so rumsteht. Inklusive Kühlschrank und drei ausrangierten Klappsesseln. Dort haben sie alle ihre Smartphones vor der Nase, spielen, hören Musik, chatten oder machen Selfies damit.

Schrecklich nette Familie

Die vier falbelhaft sich einfach selbst spielenden Jungs von Clarice (Runette Botha) und Ecclitico (Max An) sind schon im Schlafanzug. Aber nur die für die Küche und das Alltagsmanagement dieser schrecklich netten Familie zuständige, resolute Lisetta (Gerlinde Schröder) versucht, sie ins Bett zu schicken. Auf die reife Haushälterin hat der auch zum Personal gehörende, aber vor allem mit Kapitalismuskritik beschäftigte Cecco (Tobias Amadeus Schöner) ein Auge geworfen (und sie auf ihn). Die jüngere Tochter des Hauses Flaminia (Bénédicte Hilbert) und ihr Freund Ernesto (Counter Denis Lakey) arbeiten noch daran, vom gutgläubigen Familienpatriarchen (Klaus-Uwe Rein) als Paar akzeptiert zu werden.

Zu diesem Tableau aus schön hässlich kostümiertem Komödienpersonal kommt Maxim Hofmann hinzu, der von sich selbst sagt, dass er sozusagen der Subtext zum Stück sei. Eine Drohung, die er dann immer wieder als Stichwortgeber für treffsichere Pointen zum allseitigen Vergnügen wahrmacht. Er schlägt als Bühnenmusiker (auch schon mal mit einer „Moon-River“-Einlage), mit Nebenjob als Spielführer und Astronaut, immer wieder eine Brücke zum Publikum von heute.

Mit Hypnose überzeugt

Eccliticos Mondfixierung, die Sehnsucht aller, aus dem Alltagstrott auszubrechen und bei der Gelegenheit offene Beziehungsfragen zu lösen, lässt sie allesamt zur Reise auf den Mond aufbrechen. Anders als bei der Reise nach Jerusalem, die sie auf dem Weg dorthin mit ziemlichem Tumult spielen, bleibt dabei niemand zurück. Der notorische Kapitalismuskritiker Cecco gibt den Mondimperator, seine Lisetta lässt sich als Kaiserin auf die Gaudi ein (und nebenan in ihrer Küche die Eier anbrennen). Der Alte Herr wird mit Hypnose und der Überzeugungskraft aller anderen „überzeugt“, zu allen Beziehungswünschen Ja und Amen zu sagen.

Im Graben sorgt Johannes Rieger (kostümiert, als wäre er Papa Haydn selbst) am Pult des fidel aufspielenden Orchesters des Nordharzer Städtebundtheaters für den musikalischen Reiseproviant. Und auf der Bühne geben sie allesamt vokal ihr Bestes und erweisen sich obendrein als eine komödienfeste Reisegesellschaft.

Nächste Vorstellungen in Halberstadt: 21. Oktober (15 Uhr) und 8. Dezember (19.30 Uhr); Quedlinburg: 31. Oktober (15 Uhr).