Magdeburg l Beifall nach fast jedem der dem Publikum bestens bekannten Musikstücke, stilles, versunkenes Dirigieren und verzücktes Mitsingen der bekannten Lieder - wer das Publikum in der ausverkauften zweiten Vorstellung der Operette „Gräfin Mariza“ beobachtete, dem wurde klar: Die Operette lebt und hat eine durchaus nicht nur ältere Schar von begeisterten Anhängern.

Die Inszenierung hat sich durchaus darauf eingestellt. Keine verstörenden Experimente zur Handlungsinterpretation, ein historisierendes Bühnenbild samt passender Kostüme, nur ganz vorsichtige Modernisierung - alles eigentlich genau so, wie sich Operettenliebhaber so ein Stück wünschen. Regisseur Oliver Klöter studierte in Wien Musiktheater und Filmregie und war nach einer Karriere als Regisseur in vielen europäischen und amerikanischen Theatern vor sechs Jahren das erste Mal in Magdeburg mit einer Kammeroper präsent, jetzt mit der Kálmán-Operette der „Mariza“. Und etwas Wiener Charme hat er auch mitgebracht.

Operette lebt von Melodien

Über die Handlung der Operette muss man nicht viel Worte verlieren. Ein verarmter Graf verdingt sich als Gutsverwalter bei der sehr reichen Gräfin Mariza, die nach allerlei Verwicklungen das edle Geblüt in ihm erkennt, und es kommt wie es kommen muss: Die Liebe und eine reiche Tante führen alles zu einem rührend schönen Ende.

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Wer an dieser Stelle schon „raus“ ist, der hat allerdings zu früh sein Urteil gefällt. Das Stück „lebt“ vor allem von den eingängigen Melodien und einer kompositorischen Meisterleistung des auch in der Emigration in Amerika stets eigenwilligen und widersprüchlichen Kálmán, der nur komponieren wollte, wenn man „Musik bei ihm bestelle“ und sein Vermögen an der Börse machte.

Beschreibung des Niedergangs

Macht man sich die Mühe, den Inhalt der Operette zu analysieren, dann wird man auch auf zahlreiche zeitkritische Analogien, wie den beginnenden Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie oder den Niedergang des Adels, der schließlich in einem Verbot mündete, erkennen. Aber das war wohl für die Mehrzahl der begeisterten Zuschauer nicht das erste Anliegen. Sie wollten sich einen Abend voller schöner Melodien und einer märchenhaften Geschichte gönnen, und das ist gelungen.

Die Titelrolle der „Mariza“ ist doppelt besetzt. In der hier besprochenen Aufführung sang Raffaela Lintl die Mariza. Die Sopranistin des Magdeburger Ensembles hatte als Protagonistin offenbar ebenso wie ihr Hauptrollen-Pendant, der britische Tenor Stephen Chaundy, Mühe, dem sehr furios aufspielenden Orchester Paroli zu bieten. So ging dann doch das eine oder andere der sängerischen Qualitäten der beiden im Forte, vielleicht sogar in einem gewaltigen Orchestercrescendo unter. Dafür zeichnete sich Pawel Poplawski verantwortlich, der der Magdeburger Philharmonie als musikalischer Leiter eine beachtliche Portion ungarischen Paprika-Temperaments einhauchte. Zu dessen Ehrenrettung sei bemerkt, dass auch in den Sprechszenen die Lautstärke und Verständlichkeit zu wünschen übrig ließ.

Opernchor ist unverzichtbar

Lediglich der Magdeburger Opernchor unter der Leitung von Martin Wagner, verstärkt durch den Opernkinderchor des Konservatoriums „Georg Philipp Telemann“, war in der Lage mit seiner enormen Stimmgewalt dem Orchestergraben Grenzen zu setzen. Die Chormitglieder erwiesen sich auch in dieser Inszenierung mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten als unverzichtbarer Bestandteil einer solchen opulenten Operettenaufführung. Ebenfalls nicht fehlen darf der Schauspieler Peter Wittig, seit Jahrzehnten aus dem Magdeburger Theaterleben nicht wegzudenken. Er hat wie der Schauspieler Sven Waiser jeweils eine Dienerrolle mit einem ganz eigenen, fast slapstickartigen Charakter übernommen.

Die Inszenierung der „Gräfin Mariza“ dürfte, dafür sind alle Anlagen vorhanden, zu einem Dauerbrenner im Spielplan des Magdeburger Theaters werden. Freunde der Operette, die „ihre“ Melodien in einem Bühnenbild, mit phantasievollen, wenngleich mitunter ein wenig britisch anmutenden Kostümen (Jason Southgate), erleben wollen, kommen auf ihre Kosten. Spaß, Unterhaltung und das Hinwegdriften in eine Traumwelt: Mehr kann, soll und will Operette nicht erreichen.