"The Turn of the Screw" am Theater Magdeburg Opernhaus nimmt Zuschauer mit auf eine unheimliche Reise
Benjamin Brittens Oper basiert auf der Erzählung "The Turn of the Screw" von Henry James, die 1898 erstmals erschienen war und zu einer der wirkungsmächtigsten Geschichten der englischen Literatur wurde. Es ist eine Gespenstergeschichte, ein Krimi, eine psychologische Studie, Gothic Fiction … Brittens Oper wurde 1954 in Venedig uraufgeführt und hatte jetzt am Theater Magdeburg mit dem Untertitel "Die Geister von Schloss Bly" Premiere.
Von Liane Bornholdt
Magdeburg. Im Prolog der Oper begegnet dem Zuschauer die junge Gouvernante (Noa Danon) im Polizeigewahrsam. Zuvor hatten schon zwei Vollzugsbeamte mit dem Polizeipsychologen (stumme Rolle: Knut Müller-Ehrecke) vor der ungemütlich-schwarzen Wand auf der Vorbühne Kaffee getrunken. Der Psychologe wird der Gouvernante nur zuhören, sie ab und an beruhigen und die Episoden auswählen, durch die der Tod des kleinen Miles auf Schloss Bly erklärt werden soll.
Die beiden Beamten verschwinden bei der Befragung, aber sie werden bald schon wieder auftauchen. Es sind Undine Dreißig und Manfred Wulfert, und beide werden der Erzieherin auf Schloss Bly als Gespenster begegnen, und die junge Frau wird ansehen müssen, wie diese als Verkörperung des Bösen schlechthin ihre Schutzbefohlenen, die Kinder Miles (Henning Stangl) und Flora (Julie Martin du Theil), bedrohen.
Bedrohen die Geister des auf unklare Weise verstorbenen und auf unklare Weise verbunden gewesenen Dienerpaares Miss Jessel und Peter Quint die Kinder auf dem einsamen Schloss tatsächlich? Taten beide den Kindern, bevor sie gewaltsam ums Leben kamen, bereits Leid an? Existieren sie nur in der Vorstellungswelt der Gouvernante, oder sind sie gar die Projektionen, in denen sich ihre dunkle Seite, ihre eigenen Gewalt- und Sexualfantasien manifestieren? Alle diese Fragen werden nicht beantwortet, sondern den Fantasien der Zuschauer anheimgegeben.
Regisseur Christian von Götz aber schickt das Publikum nicht sofort in den phantasmagorischen Irrgarten. Wie auch die Musik von Benjamin Britten als klares, geradliniges Rezitativ beginnt – die musikalische Geschichte setzt mit einer zwar kunstvollen, in seiner Wirkung aber ganz schlichten Klavierepisode ein (Jovan Mitic) –, erscheint der Bericht der Gouvernante zuerst als einfache kriminalistische Befragung. Dazu öffnet sich der Vorhang wie ein Bildschirm, der stets nur den Blickwinkel der Gouvernante zeigt.
Noa Danon singt vom Verhörtisch der Vorbühne aus, während ihre Doppelgängerin (stumme Rolle: Maria Strohm) im Inneren der Bühne agiert. Bald schon werden die Figuren ihre Rollen tauschen und das Geschehen auf Schloss Bly gewinnt sein Eigenleben. Es geschehen seltsame Ereignisse. Der Junge wird vom Internat verwiesen, und die Unterrichtsstunde bei der Gouvernante absolviert er im Kopfstand. Er singt ein Kinderlied, in das sich poetische Fantasien einmischen. Und hinter den Fensterscheiben erscheinen seltsame Gestalten.
Eindrucksvolle Bilder, dynamisches Musizieren
Die Gouvernante ist allein mit den Kindern auf dem Schloss. Nur die alte Haushälterin (Lucia Cervoni) steht ihr zur Seite. Von ihr erfährt sie, wer die Gespenster sein können, aber sie sieht diese nicht. Ob die Kinder sie sehen, wird man nicht erfahren, aber in der Fantasie der Gouvernante locken sie diese und bedrohen sie.
Erst im zweiten Akt verwirren sich die Ereignisse, denn nun wird das Labyrinth im Inneren der Gouvernante sichtbar. Christian von Götz hat zahlreiche kleine, aber eindrucksvolle Bilder gefunden, durch welche die Zuschauer auf die unheimliche Reise mitgenommen werden.
Aus dem Kinderspiel fällt Flora in epileptische Anfälle, Miles spielt mit dem Kruzifix an der Wand, ein kleiner Kinderkuss durchzuckt die Gouvernante wie Feuer und lässt sie zum Messer greifen. Die zahlreichen Zimmer des Schlosses hat der Bühnenbildner Lukas Noll auf die Drehbühne gebaut, und sie beginnen zu rotieren, immer wieder sieht und hört man Peter Quint und Miss Jessel. Schließlich singt die Doppelgängerin mit deren Stimme, und nun kann auch der Zuschauer kaum noch unterscheiden, wer wer ist.
Dies alles wird auch und gerade durch die Musik erzählt, die immer dichter, kontrastreicher und spannungsvoller wird. Adrian Prabava hat mit 13 Musikern und dem Pianisten eindrucksvoll, sehr farbig und sehr dynamisch musiziert, und die sechs Sänger werden auch in diesen Sog einbezogen. Besonders eindrucksvoll der Knabe Henning Stangl (13), der mit seiner schönen Stimme eine komplizierte Partie singt, und dies ohne Fehl und Tadel, ausdrucksvoll und hinreißend. Eine großartige Leistung. Undine Dreißig und Manfred Wulfert singen trotz ihrer martialischen Aufmachung sehr schön, immer klangvoll, was die Dämonie ihrer Erscheinungen noch unterstützt.
Noa Danon hat die mit Abstand größte Partie, und sie findet für jede der Episoden den passenden Ausdruck, optimistisch und tatenfroh am Anfang, später verunsichert, angstvoll, verwirrt, auch energisch, kühl. Alle Tonlagen beherrscht die Sängerin. Auch ihre Gesangsfarben aber werden das Rätsel von Schloss Bly nicht aufklären.