Biederitzer Kantorei führte im Rahmenprogramm der Telemannfesttage die "Matthäuspassion" auf Packende Geschichte von innerem Auftrag und Verrat
Magdeburg l In erster Linie ist die Matthäuspassion natürlich ein religiöses Ritual. Und doch ist sie gerade, wie Telemann sie 1750 musikalisch in Szene gesetzt hat, ein Kunstwerk. Einen wunderbar fein gewebten und zum Nachsinnen anregenden Abend bereitete Michael Scholl mit dem Kammerchor seiner Biederitzer Kantorei und der Cammermusik Potsdam dem Publikum am Mittwochabend mit einer Aufführung im Rahmenprogramm der Telemann Festtage.
Wobei Telemann, der allein 49 Passionen komponierte, erklärtermaßen theatralische Absichten hat. Farbenreich und ganz nah am Leben wird hier die Geschichte Jesu erzählt. Eine packende Geschichte von innerem Auftrag, Freundschaft, Gemeinschaft mit den Jüngern und Verrat, einem ungerechten Gerichtsverfahren und vom Hass, den sich jemand zuzieht, der nicht in die Schublade der Mächtigen passt. Einer wie Jesus.
Seine Verzweiflung, sein Aufschrei gehen unter die Haut: "Eli, Eli, lama asabanthi - mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Doch er siegt ja gerade dadurch, dass er sich - äußerlich jedenfalls - besiegen lässt. Einerseits wird dies in Form direkter Bibelzitate und Bibelszenen erzählt, in den Rezitativen tauchen die handelnden Personen auf: Jesus, Judas, Petrus, Pilatus und auch der Evangelist, der hier berichtet.
Es gelingt, bekannte Texte neu zu begreifen
In Chorälen kommen die Menschengruppen zu Wort: Hohepriester, das Volk, das so vehement die Kreuzigung fordert.
Da sind ganz starke, dramatische Momente der Biederitzer Kantorei dabei, beispielsweise wenn das Volk lieber den Verbrecher Barrabas freilassen will als Jesus. Es gelingt, dass man die bekannten Bibelstellen noch einmal neu begreifen kann. In das Geschehen montiert Telemann zugleich Kommentare aus übergeordneter Sichtweise oder als seelische Resonanz meist Arien.
Zum Zauber des Abends tragen die Solisten bei: Michael Zabanoff, der als Evangelist am meisten zu "sagen", sprich zu singen hat, Florian Götz als Jesus, aber auch Heidi Maria Taubert, Ulrike Mayer, Tim Severloh (als Altus verkörpert er den Judas) und Matthias Vieweg. Wesentlich am künstlerischen Gelingen beteiligt ist auch die Cammermusik Potsdam unter der Leitung von Wolfgang Hasleder. Sie präsentiert einmal mehr blank geputzte und dennoch warme Töne, spielt kenntnisreich, unaufdringlich und präzise - immer im Dienst des Ganzen. Unter Michael Scholls Taktstock fügt sich alles zusammen.
So war zwar im nach Telemann benannten Konzertsaal im Kloster Unser Lieben Frauen keine spektakuläre Erstaufführung zu erleben, aber die entscheidende Botschaft ist auch eine ganz andere: Telemanns Matthäuspassion ist überaus hörenswert und kann die Auseinandersetzung mit den dargestellten Inhalten anregen - das haben alle Beteiligten mit großer Freude und hoher Professionalität einmal mehr gezeigt.