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Promis Feder bei Fuß

13.10.2011, 04:22

Ich gebe es zu: Ich tue es mir aus lauter Neugier oft an, in Talkshows hineinzusehen. Zumindest so lange, bis klar ist, wer die Diskutanten sind, die mir dieses Mal nichts Neues zu sagen haben. Dabei gibt es freilich immer eine spannende Frage: Warum, zum Teufel, sitzen die Typen da im Fernsehstudio und stehlen mir meine Zeit? Die Antwort lässt nie lange auf sich warten: Einer der Talk-Menschen hat gerade ein Buch geschrieben; das braucht die Welt zwar meistens nicht und es bringt die Menschheit auch nicht weiter, aber es muss sich schließlich verkaufen und benötigt ein wenig Promotion - also Reklame.

Dafür hat man denn auch Verständnis und man schaltet um aufs andere Programm, wo man in einer anderen Talkshow erfährt, dass eine andere Promigröße ein anderes Buch geschrieben hat. Das ist die TV-Version des Gesetzes der Serie, sozusagen.

Aber man will sich ja nicht beschweren über das Unabänderliche. Und zu dem Unabänderlichen in Deutschland gehört, dass ein jeglicher, der es zu ein wenig Bekanntheit gebracht hat, also regelmäßig im Fernsehen erscheint - Schauspieler, Moderatoren, Köche und Sportler - irgendwann zur Feder greift und beschreibt, was er für wichtig hält. Das ist meistens er. Zum Beispiel, in diesem Jahr, Philipp Lahm.

Der ist Fußballer, kann links wie rechts verteidigen, gibt den Kapitän bei Bayern München und in der Fußballnationalmannschaft und findet seine Trainer doof. Wer hätte das gedacht? Das ist doch was. Das reicht im Land der Dichter und Denker - seit Goethe denkt man ja, das sei man für alle Zeiten.

Über Letzteres nur nicht nachdenken, ihr Dichter und Denker, und schließlich steht der Bayer nicht allein. Im Gegenteil - er steht für eine große Tradition der Promi-Schriftstellerei: Man erinnere sich nur an das sensationelle Werk des Dieter B., der ständig Superstars sucht und in seinen Memoiren (übrigens: In der Definition von Wikipedia gehen Memoiren "von der gefestigten Identität eines seiner sozialen Rolle bewussten Individuums aus") geschildert hat, wie ihm sein bestes Stück einmal gebrochen ist. Aua. Gute Besserung.

Oder Heiner Lauterbach und seine Exzesse. Auch nicht schlecht. Da kann so mancher Literaturnobelpreisträger nicht mithalten, damit nicht.

Gut für die Kassen der Autoren und Verlage, aber immer auch am Rande des Erträglichen. Ob Lahm einen Blick in die Bayern-Kabine gewährt, Dieter B. und andere aus der Branche in Ehe- und sonstige Gemächer, ob Charlotte Roche noch ganz andere Einblicke zulässt: Es sind nie Schlüssel-, aber immer Schlüssellochromane. Keiner braucht sie, aber jeder will sie haben; sie haben alle ihre Gemeinde.

Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge freut es immerhin die Hälfte der Deutschen, wenn Prominente - wie gerade Gaby Köster - ihre dramatische Krankheitsgeschichte vor aller Welt ausbreiten; für das gleichgelagerte Leid von Nachbarn und Bekannten interessierten sie sich hingegen weniger. Das Volk der Dichter und Denker gehört auf die Couch; aber es hat seinen Spaß.

Zur Buchmesse stehen die Promis auch wieder Feder bei Fuß bereit. Man darf gespannt sein, wer die deutsche Literatur dieses Mal bereichert. Ungeheuer gespannt.