Magdeburg l Das Theater rüstet in Sachen Zukunft buchstäblich auf. Im Schauspielhaus gab es am Sonnabend eine Doppelpremiere: Die bisherige Studiobühne verwandelte sich unter Leitung von Christiane Hercher zur „Raumstation Paradies", wo künftig weitere Inszenierungen beheimatet sein werden. Das Stück „Ab jetzt" von Alan Ayckbourn in der Regie von Stephan Thiel war zur Erstbespielung ausersehen. Das Publikum war begeistert!

Wer lange nachdenkt, entdeckt im Stück von Komödienaltmeister Alan Ayck­bourn mehrere Themen: eine Pygmalion- und eine Frankenstein-Geschichte, ein Künstlerdrama, eine Familienstory. Aber in der Hauptsache ist der Abend eine wunderbare Farce auf den technischen Fortschritt, die selbst nach dreißig Jahren nichts von ihrem kräftigen Humor verloren hat.

Die Zuschauer erleben den Komponisten Jerome, der um das Tongebilde „Liebe“ ringt. Aber es gelingt ihm nicht, denn seit vier Jahren fehlt ihm seine geliebte Tochter. Die geschiedene Frau verweigert ihm das Kind. Um vor dem Jugendamt zu bestehen, will Jerome zunächst die Schauspielerin Zoe als seine Verlobte engagieren. Die aber tritt nach kurzem die Flucht an. Nun soll es die Roboterfrau Gou richten. Gou aber läuft zunehmend aus dem Ruder.

Aber eigentlich ist die Story nebensächlich, das Entscheidende sind die großartigen Szenen, die den perfekten Wahnsinn von der Posse über die Farce bis zur Groteske präsentieren. Das lachbereite Publikum kommt kaum zu Atem.

Treffer ins Zwerchfell

Ralph Opferkuch spielt Je­rome, eine Figur, die nicht dieselbe Vielschichtigkeit und nicht die gleiche Verrücktheit wie etwa die Rolle der Zoe besitzt, aber mit permanenter Energie nutzt er das komödiantische Material unablässig, damit Marie Ulbricht (Gou/Zoe) und Anne Hoffmann (Gou/Corinna) brillieren können. In einer fußballverrückten Stadt wie Magdeburg kann man es so beschreiben: Er gibt einen defensiven Mittelfeldmann, der immer die Bälle erobert, mit denen die anderen Treffer ins Zwerchfell erzielen können.

Als Zoe glänzt Marie Ulbricht. Der Part ist sicher für jede Schauspielerin ein Hammer. Er bietet die absolute Möglichkeit, alle komödiantischen Register zu ziehen, und Marie Ulbricht tut das mit Wonne. Andererseits schlägt der Boulevardgestus mitunter sogar in Ernsthaftigkeit um. Sie zeigt ihre Zoe als einzig normalen, nämlich empathischen Menschen im Umfeld des männlichen Protagonisten. Ulbricht entwickelt die Figur von der bizarr-komischen Panik ihres Erstauftritts zu einem Flirt, der in einem ekstatischen Liebesakt kulminiert. Selbst der Hauch verträumter und vertändelter Verliebtheit in einer Studenten-WG scheint auf.

Nach der Pause verkörpert Marie Ulbricht die Roboterfrau Gou, die im ersten Teil von Anne Hoffmann gespielt wird. Komik und Witz im Agieren der Gou entstehen wesentlich durch das bewusste Fehlinterpretieren eindeutiger Zeichen und Codes und das Aushebeln von Verabredungen. Beide Darstellerinnen bewältigen die Rolle mit großer Präzision.

Wandlung im zweiten Teil

Im zweiten Teil erscheint Anne Hoffmann als die Ex des Komponisten. Als diese wartet Hoffmann mit einer ganz anderen und profilierten Gestaltung auf. Marian Kindermann als Herr vom Jugendamt, der kommt, um den Sorgerecht-Zuschlag zu prüfen, zeigt eine Person, deren Verhalten von abgedreht über verrückt bis grotesk changiert. Die Lacher hat er auf seiner Seite.

Carmen Steinert als die herbeigesehnte Tochter hat nicht so viele Momente, glanzvoll zu sein, ihr Auftritt macht allerdings perplex. Warum, das soll nicht verraten werden.

Ayckbourn textete einen Plot, der zwei Schauspielerinnen die Chance eröffnet, ihr Können in Vielfalt zu beweisen, was die Aktricen auch herzhaft nutzen, und Regisseur Thiel balanciert Komik, Darstellerleistung und Wortpointen sowie Fabelführung handwerklich gekonnt aus.

Wer über die Zukunft lachen will, bevor sie ihn mit ernster Breitseite ereilt, sollte ein Billett in der „Raumstation Paradies“ erwerben.

Weitere Vorstellungen am 2.,3. und 16. März sowie im April.