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Suppendosenbilder und knallbunte Siebdrucke Prominenter machten Andy Warhol bekannt Seine Kunst war revolutionär

06.08.2013, 01:19

Andy Warhol prägte die Kunstrichtung Pop-Art. Heute wäre er 85 Jahre alt geworden. Grit Warnat hat sich mit Uwe Gellner, Kurator am Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, über das Phänomen Andy Warhol unterhalten.

Volksstimme: Wurde schon einmal ein Andy Warhol hier im Haus gezeigt?

Uwe Gellner: Leider nicht. Wir hatten in der internationalen Malereiausstellung im letzten Jahr sehr schöne Bilder von Peter Halley hier, der von Andy Warhol porträtiert wurde.

Volksstimme: Peter Halley muss ihm wichtig gewesen sein. Warhol hat Marilyn Monroe, Elvis Presley, Brigitte Bardot in seiner Kunst verewigt. Er setzte auf Prominente.

Gellner: Nicht nur. Er hat sich beispielsweise auch für Velvet Underground eingesetzt, damals war die Gruppe um Lou Reed, John Cale und die Sängerin Nico völlig unbekannt und heute ist es die Legende des New Yorker Punk schlechthin. Jeder kennt seine Banane auf dem Plattencover dieser Band. Es war Warhols Interesse, in diesen Raum zu gehen, in dem er sich sonst nicht aufhält. In diesem Fall war es die Musik. Warhol hat gern über den Rand geschaut. Das ist kennzeichnend für die Großen. Für Picasso, für Beuys, für Warhol auch.

Volksstimme: Wie kam er aber zu Monroe, Presley, Bardot?

Gellner: In seiner Kindheit schon hat er Werbebilder berühmter Schauspieler gesammelt. Als häufig kranker Junge war das sein Bezug zu Hollywood und in diese Glamourwelt. Das waren Kindheitsträume und er nutzt dafür die Bilder der Medien.

Volksstimme: Er war Kind armer Eltern und nicht der Typ, der sich ins Rampenlicht setzt. Es gibt recht wenig über sein Leben.

Gellner: Das stimmt, er galt sein ganzes Leben als menschenscheu. Er hat sehr genau überlegt, was er macht. Das wurde seine Stategie.

Volksstimme: Seine persönliche Werbestrategie sozusagen? Er arbeitete anfangs in der Werbung und verdiente gutes Geld.

Gellner: Er wurde Werbegrafiker für eine Schuhfirma, Warhol war ein begnadeter Zeichner und nach wenigen Jahren sehr gefragt und erfolgreich. Es gibt aus dieser Zeit schöne Kinderbücher von ihm, mit Katzen, Schuhen, Alltagsgegenständen.

Volksstimme: Wie kam er dann zur Kunst?

Gellner: Das ging allmählich. Er entdeckte den Siebdruck, der in der Werbeindustrie wichtig war, und verwendete ihn auf Leinwandbildern. Und er hat die Vervielfältigung genutzt. Das war revolutionär. Er setzte auf Serien von Alltagsgegenständen und Prominenten und ging weg vom Original. Er hat die Kunst an die Medien gebunden.

Volksstimme: Warum setzte er auf Vervielfältigung?

Gellner: Eines seiner ersten Bilder war Mona Lisa. Mona Lisa steht für Einzigartigkeit. Sie zu vervielfältigen, ist eigentlich ein Affront. Aber das war sein konzeptionelles Denken, es war ein ungewöhnlicher Denkprozess, solche Bilder zu machen.

Volksstimme: Er hat auch Lenin abgebildet, Mao und auch den elektrischen Stuhl oder Zeitungsmeldungen von Verkehrsunfällen.

Gellner: Das war für die Amerikaner schon ein Schock. Aber Warhol sagte, in den Medien sind alle gleich. Ob es Elvis ist oder Marilyn oder eben Mao Zedong. Natürlich ist das auch provokativ. Es bewirkt eine Demokratisierung der Bildmotive. So würde er es sicher nicht bezeichnen. Aber er stellt alles gleich.

Volksstimme: Wollte er provozieren?

Gellner: Es ist provokativ, das zu tun, aber Kunst will eher die Leute gewinnen. Ich denke, das wollte Warhol auch, eben nur anders. Sicherlich gab es Künstler, die sich gefragt haben, was macht denn der? Banalisiert er mit seiner Arbeit die Kunst?

Volksstimme: Irgendwie schon. Er hat Dinge genutzt, die nicht aus dem Kunstkontext kommen. Bekannt wurde er auch mit Bildern von Suppendosen und Dollarnoten.

"Die glitzernde Oberfläche ist sein Thema"

Gellner: Er hat diese Suppe gegessen, er hat davon gelebt. Er hat die Dinge genutzt, die selbstverständlich, die alltäglich sind. Er hat sie aus dem Alltag gezogen, aus unserem Konsum. Man muss sich in die Zeit versetzen. Es waren die 60er Jahre, als die Nachkriegsjahre vorüber sind und der Aufschwung so richtig einsetzte und Konsum eine große Rolle spielten.

Volksstimme: Es gab seit Anfang der 1960er Jahre in New York seine Factory, seine Studios.

Gellner: Das war wie eine Fabrik. Der Begriff Factory ist ein Bekenntnis gewesen zu seiner Arbeitsweise. Und den Stoff boten die Sternchen, die er als Superstars bezeichnet. Er zog Prominente magisch an. Salvador Dali, Jim Morrison, Bob Dylan, Mick Jagger, sie alle waren da und wurden nach Fotografien porträtiert. Sie fühlten sich angezogen von seiner seltsam anmutenden Welt, die anders war. Die Schauspieler, die Musiker kannten ihn, sie herzten ihn, er war wichtig für sie als Ideengeber, als Anreger.

Volksstimme: Er hat die Kunstrichtung Pop-Art mitgeprägt. Er schrieb auch Theaterstücke, drehte Filme, arbeitete als Musiker. War er ein Genie?

Gellner: Er war ein unglaublich kluger Kopf. Seine Filme, die er damals drehte, haben keine Geschichte. Er drehte meist in der Factory und nahm Menschen auf, zeigte einfach, was sie tun. Mehr nicht. Es gibt einen Film über jemanden, der die ganze Zeit schläft. Das ist ein Beispiel dafür, wie er auch hier diesen Kunstbetrieb in den Alltag hineinzog, keine Erzählung erfindet. So wie er es mit den Motiven seiner Bilder macht, die er nicht selber erfindet, sondern als Kunst anwendet und vervielfältigt. Film ist festgehaltene Zeit. Alles andere wäre eine Geschichte, die sich jemand ausdenkt. Warhol wollte sich nichts ausdenken. Darum lief er wohl auch immer mit einer Polaroid-Kamera herum. Es gibt eine Unmenge an Polaroids von ihm. Er erkennt die Bedeutung der Medien. Sie sind für den Moment da, dann altern sie. Warhol sammelt diese Momente und verewigt sie in seiner Kunst.

Volksstimme: Warhols Kunst prägte nachfolgende Künstlergenerationen. Welche Bedeutung hat er heute?

Gellner: Wichtig sind die Schaltstellen, die er entwickelt hat. Er wollte, dass wir begreifen, dass Konsum die Menschen treibt. Nichts hat diese Immanenz im Leben der westlichen Welt wie der Konsum. Die schöne, glitzernde Oberfläche ist sein Thema. Und er hat Recht, wir sind oberflächlich. Wir fliegen auf die Oberfläche. Heutzutage noch stärker als damals.