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Halberstädter Domfestspiele Sinfonische Meditationen als großes Erlebnis

07.06.2011, 09:25

Von Hans Walter

Halberstadt. Zwei selten gespielte Werke des 20. Jahrhunderts bereicherten sinnfällig die diesjährigen Domfestspiele in St. Stephanus: Olivier Messiaens "L‘Ascension" ("Die Himmelfahrt") und "Das Lied von der Erde" von Gustav Mahler. Beim Messiaen stand Musikdirektor Johannes Rieger dem vereinten Klangkörper aus Nordharzer Städtebundorchester Halberstadt und Philharmonischem Kammerorchester Wernigerode vor, bei Mahler schwang der 82-jährige Othmar Mága als Gast den Taktstock. Ein großes, beglückendes Erlebnis!

"L‘Ascension" des Kirchenmusikers, Sinfonikers und Kompositionslehrers Olivier Messiaen trägt als Untertitel "Vier sinfonische Meditationen", eingeleitet durch Sprechertexte aus der Bibel. Eine sinfonische Dichtung von 1932 im flirrenden Stil des Impressionismus, ungemein abwechslungsreich und überraschend.

Der erste Satz – die Verherrlichung Gottes und seines Sohnes wirkt wie ein fahler Morgen. Fantastisch, wie sich hier ein musikalisches Gespinst aufbaut, Stimmung und Farben schafft. "Wenn ich Musik höre und nach innen schaue, entstehen vor meinem inneren Auge Farben, die sich mit der Musik bewegen", bekannte der Komponist. Diese Musik ist meditativ, schwelgerisch und opulent lautmalerisch. Erstmals nimmt er Vogelrufe auf.

Es ist ein Nachdenken über Jesu Himmelfahrt, geäußert mit den Möglichkeiten eines großen Orchesters. Der dritte Satz beispielsweise ist mit "Halleluja auf der Trompete, Halleluja auf dem Becken" überschrieben. Kompositionsabsichten verschmelzen wie selbstverständlich mit tief empfundener Gläubigkeit. Johannes Rieger ziselierte ein Werk, das im gotischen Dom zu Halberstadt zu voller Wirksamkeit gelangte.

Anschließend "Das Lied von der Erde". 1907/08 schrieb Gustav Mahler diese Sinfonie für Tenor- und Altstimme und Orchester zu Nachdichtungen von altchinesischer Lyrik aus der Zeit um 700 von Hans Bethge. Er war damals, wenige Jahre vor seinem Tod 1911, sehr bedrückt, wie Alma Mahler in ihren Erinnerungen berichtet: "Jetzt, nach dem Tode des Kindes" und nach der furchtbaren Diagnose des Arztes, in der schrecklichen Stimmung der Einsamkeit, fern von unserem Hause überfielen ihn diese maßlos traurigen Gedichte, und er skizzierte schon in Schluderbach die Orchesterlieder, aus denen ein Jahr später ,Das Lied von der Erde‘ werden sollte."

Das Werk licht und transparent gestaltet

Mahler hatte aufgrund antisemitischer Anfeindungen seine Stelle als Direktor der Wiener Hofoper verloren; zudem stellte der Arzt eine schwere Herzkrankheit fest. Erst nach seinem Tod wurde das "Lied von der Erde" im November 1911 durch Bruno Walter aufgeführt.

Die Tenorpartie bei der Halberstädter Aufführung übernahm Raymond Sepe (der Hoffmann aus der umjubelten Inszenierung der Oper "Hoffmanns Erzählungen"), die Mezzosopranistin Gerlind Schröder interpretierte die Altpartie dieses "Sinfonie" genannten sechsteiligen Liederzyklusses.

Mahler braucht dazu nicht mehr den riesigen Orchesterapparat. Singende Menschen stehen im Zentrum seiner kammermusikalisch klaren Tondichtung. Besonders "Der Abschied", der sechste Satz, gesungen von Gerlind Schröder, ist von größter Intensität und Dauer. Er beginnt in Moll und klingt in Dur aus. "Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt aufs neu."

Othmar Mága gestaltete das Werk licht und transparent. Es ist – im Angesicht des nahenden Todes – das Bekenntnis Mahlers zum Leben und zur Liebe! Es endet in einem Hauch "gänzlich ersterbend" im Pianissimo. Ein wundervoller Mahler, mit neun Minuten Applaus belohnt.