So schöne Menschen
Er habe jede Menge Aufmunterung nötig und ich möge mich doch darauf einstellen, einen eher depressiven Gesprächspartner zu bewirten. So hatte Harald unser nächstes Treffen telefonisch vorbereitet. Bier und Backwerk standen auf dem Tisch. Um dem Ganzen eine heitere Aura zu verleihen, hatte ich ein farbenfrohes Urlaubshemd angezogen, auf dem großformatige Ananas, Zitronen und Kokosnüsse einen Hauch karibischer Unbeschwertheit versprühten.
Als mein Freund schwerfüßig meine Pergola umrundete, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Mein Kompliment", hörte ich zur Begrüßung, "deine Fruchtbluse lässt mein Herz höher schlagen."
Die Aufmunterung hielt nicht lange an. Noch während ich das erste Bier eingoss, begann meines Freundes Klagelied: "Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, wie hässlich wir sind? Sieh dir nur die Fernsehwerbung an - selbst 80-jährige Sympathieträger von Gebissprothesen machen den Eindruck, in jedem Erotikfilm überzeugen zu können. Die Blasenschwäche wird paarweise weggelächelt, Falten gibt\'s sowieso nicht mehr und graue Haare werden zum heterosexuellen Heiligenschein. Aus jedem dritten Zahn leuchtet die pure Lebenslust und dabei sehen alle so adrett aus. So unglaubwürdig attraktiv. Wieso sind eigentlich alle Menschen irgendwie schöner als ich? Oder du?"
Haralds Frontalangriff auf mein Erscheinungsbild ließ mich kurz überlegen, ob ich zu einem vernichtenden Gegenschlag ausholen oder um Aufklärung bemüht sein sollte. Ich entschied mich für Letzteres und führte an, dass es bei der Werbung darum ginge, etwas zu verkaufen. Was mit gutaussehenden Menschen deutlich mehr Erfolg versprechen würde als mit anderen Leuten. Wie ihm, beispielsweise.
Mein Freund steckte viel zu tief im Selbstmitleid, als dass er die feine Ironie hätte heraushören können. Sein Einwand, dass dies aber nicht das wahre Leben, sondern eigentlich Betrug sei, rang mir ein Lächeln ab. "Wem", fragte ich, "würdest du auf dem Markt lieber die Äpfel abkaufen - einer anmutigen Blondine mit einer gut gefüllten Bluse oder einem greisen Kräuterweib, dem die Kauwerkzeuge ausgegangen sind?"
In seiner Antwort bescheinigte mir Harald eine nahezu unerträgliche Oberflächlichkeit und verwies darauf, dass er natürlich bei der älteren Dame einkaufen würde. Und dies schon deshalb, weil ihr Äußeres auf ein nicht ganz leichtes Leben schließen ließe und sie seine Zuwendung deutlich mehr bräuchte als die dralle Maid, bei der ja höchstwahrscheinlich massenhaft Typen wie ich einkaufen würden.
Obwohl ich mich völlig falsch verstanden fühlte, wollte ich Haralds Erregung nicht noch steigern und argumentierte vorsichtig, dass es ja wohl in erster Linie auf die Qualität der Äpfel ankäme.
Jetzt war es mein Freund, der lächelte. Mit einem Hauch von Zufriedenheit sagte er: "Bleib ruhig, mit diesem Hemd könntest sogar du noch für die Apothekenrundschau Modell stehen."