Sprachlose Gegenwart: Totes Gebirge von Thomas Arzt
Wien (dpa) - Theatralische Ohrfeige aus der Psychiatrie für eine taube und tumbe Welt: Die Uraufführung des Stücks Totes Gebirge des österreichischen Autors Thomas Arzt ist am Donnerstagabend im Wiener Theater in der Josefstadt mit langem Applaus aufgenommen worden.
In einer großen Gummizelle (Bühne: Miriam Busch) sinniert der Lehrer Raimund (Ulrich Reinthaller), der sich selbst eingewiesen hat, über Leben, Gesellschaft und seine zehntägige Wanderung über das karstige Hochplateau. Dessen unterirdisch fließendes Wasser bemerkt der Wanderer erst bei genauem Hinhören. Doch die Welt ist anders. Dieses Land ist bankrott, kein vernünftiges Gespräch, keine wirkliche Schönheit.
Kein Wunder, dass Raimund in einem einzeiligen Brief an seine pragmatische, angepasste Schwester Josefine (Maria Köstlinger) Franz Schuberts (1797-1828) Winterreise zitiert: Mein Herz ist wie erfroren. Nur manchmal, wenn sich die sechs Darsteller zum traurig-lustigen Chor zusammenfinden (Regie: Stephanie Mohr), blitzen Humor und ein wenig Milde mit der düsteren Gegenwart auf, die die Ursache für soziale Ungerechtigkeit kalt dem persönlichen Versagen des einzelnen homo oeconomicus zuschreibt.
Für Arzt (Jahrgang 1983), der in Flensburg lebt, ist die Sprachlosigkeit eines der zentralen Themen. Es werde viel über Erschöpfung, Überforderung und Depression veröffentlicht. Aber in der persönlichen Begegnung herrscht dennoch Schweigen.