Bayreuth Sübkültür statt Gesamtkunstwerk
Von witzig bis absurd: Zehn Möglichkeiten, Wagner und Bayreuth ohne Festspiele zu erleben
Bayreuth (dpa) l Richard Wagner ist ein recht umstrittenes Genie, und auch schon einige Zeit tot. Jedes Jahr lebt sein Werk bei den Bayreuther Festspielen noch einmal auf, wenn sich auch die Tickets nicht mehr so gut verkaufen. Die oberfränkische Stadt leidet trotz ihrer Berühmtheit unter einem etwas modrigen Ruf. Einige der Traditionen lassen sich allerdings fast als Performance betrachten. Und außerdem gibt es Alternativen zum Wagner-Kult.
Es dürfte weniger der Festspielpark auf dem Grünen Hügel sein, in dem diese Bayreuther Band auftritt. Ihr Programm: Etwas zwischen Dada, Dosenbier und Schlingensief. Ihr Heimatort: „Das Hirn des Wahnsinns“.
Wagner kann etwas Ironie vertragen, und bisweilen etwas Abkürzung. Loriot hat sich um beides gekümmert, er hat das Heldenepos „Ring des Nibelungen“ auf die Länge eines Abends gestrafft und ein paar Erklärungen für die komplexe Handlung geschrieben. Das Ganze – wie auch der Sketch „Bayreuther Pausengespräch“ – ist als Vorbereitung zu empfehlen. Oder als Alternativprogramm.
Wem überhaupt das Festspielhaus mit den engen, hölzernen Stühlen und – sagen wir – distinguierten Gästen eher nicht das Liebste ist, der fühlt sich vielleicht bei einer Bayreuther Wohnzimmermucke wohler. Auch intim, aber anders. Die Adressen für die Konzerte kleiner Bands in kleiner Runde sind über Facebook-Events und Mailadressen zu erfahren.
Es klingt schlimmer, als es ist. Das Wohnhaus Richard Wagners in den Jahren 1874 bis 1883 liegt am Rand des Bayreuther Hofgartens. „Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt“, steht an der Mauer eingraviert, ein Wagner-Zitat. Seit 1976 findet man hier das Richard-Wagner-Museum, einen „authentisch-auratischen Ort“.
Hinter der Villa „Wahnfried“ versammeln sich am Eröffnungstag der Festspiele Wagnerianer zum „Grabsingen“. Es kommen durchaus viele Fans, wenn der Festspielchor am mit weißen Blumen bedeckten Grab von Richard und Cosima Wagner singt. Zum Beispiel das Kircheneinzugslied aus den „Meistersingern von Nürnberg“. Eine etwas zwiespältige Feierlichkeit, schließlich haben die Nationalsozialisten mit dem Werk den Reichsparteitag eröffnet.
Manche glauben, das Werk Wagners sei zu trennen etwa von seinem antisemitischen Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“. Ohne historische Einordnung lässt aber auch die Stadt ihren berühmten Kopf nicht stehen. Die Wagner-Büste von Arno Breker, einem von NS-Machthabern geschätzten Bildhauer, hat die Stadt zwar nach 1945 selber in Auftrag gegeben. Heute gibt es aber Erklärungen dazu an der Büste, und in der Nähe gibt es die Ausstellung „Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die Juden 1876 bis 1945“.
Der Verein „Sübkültür“ macht Open Stage, mit Konzerten, Lesungen, Performances und Kunstausstellungen. Offen fürs Mitspielen, Mitmachen, Mitveranstalten und Mitzuschauen, sagt der Verein über sich selbst. Nun, zumindest dürfte man hier wirklich leichter reinkommen als zu den Wagner-Festspielen, denn die Tickets für dort sind für die meisten unerschwinglich.
Das Iwalewahaus zeigt außereuropäische, vor allem zeitgenössische Kunst aus Afrika und der afrikanischen Diaspora. In diesem Sommer sind in der Ausstellung „Things Fall Apart“ Werke von Künstlern und Filmemachern zu sehen, die die Verbindung des afrikanischen Kontinents zur ehemaligen Sowjetunion und den sozialistischen Staaten reflektieren.
Auf einem Spaziergang durch Bayreuth erzählen Tafeln an 19 Stationen jährlich wechselnde Details aus dem Leben des Komponisten. In diesem Jahr am „Walk of Wagner“: Wagner war ein Hundefreund, ein Aspekt, der bei sogenannten großen Deutschen immer wieder gern hervorgehoben wird. „Was wäre Lohengrin ohne den Schwan, Brünhilde ohne ihr Pferd Grane oder Siegfried ohne seinen Bären-Freund?“, heißt es aus der Marketing-Abteilung der Stadt. „Wenn Wagner etwas wahrhaft liebte, dann die Tierwelt.“ Am Ende seines Lebens habe sich Wagner in einer Schrift gegen Tierquälerei gewandt. Nun, es waren nicht alle seine Schriften von Liebe getragen.
Zu Wagners Tierliebe passt es denn auch, dass Wagner in der „Eule“ einen Stammplatz hatte. In das Restaurant pilgern heute Fans aus aller Welt. Zu Richard Wagners Zeiten, so erzählt man sich, saßen auch schon Verehrer bei ihm am Tisch und hörten seinen sächselnden Monologen zu.