Magdeburg l „Völlig frei nach Shakespeare“ lässt zunächst vermuten, dass Autor Bernd Kurt Goetz verwegen Hand an Handlung und Text gelegt haben dürfte. Doch „Hamlet“ bleibt erkennbar, wenn auch einiges verdreht, verändert und verwitzelt ist – manches an der Grenze zur Albernheit zugunsten sommertheaterlichen Amüsements. Goetz ist nicht nur der Dramaturg des Stückes, er führte auch gemeinsam mit Gisela Begrich Regie und spielt drei Rollen. Beide haben das elfköpfige Ensemble aus professionellen Schauspielern und Laien-Darstellern gut eingestellt.

Die Inszenierung im schönen Ambiente der Möllenvogtei kommt mit einer dreistufigen nackten Bühne aus. Der Reiz funktioniert, bleischwer angelegte Figuren mit jenen in Kontrast zu setzen, die auf Klamauk gebürstet sind.

Fabian Mutschlechner gibt einen schneidigen jungen Hamlet, „angewidert von der Geilheit“ seiner Mutter, die sich mit König Claudius, dem Bruder seines toten Vaters, verpartnert hat. Der junge Schauspieler trägt die Aura eines Mannes, den Trauer und Schmerz niederschlagen („Kein Wert mehr wert mir ist!“), dessen Verzweiflung in Wut und Hass umschlägt, ihn anfällig für Wahnsinn macht, ihn an einen Geist glauben lässt.

Komische Akzente

Diese Gestalt ist nichts weiter als ein angeheuerter Schauspieler (anders als bei Shakespeare, bei dem der Geist rätselhaft bleibt). Ekkehard Schwarz spielt ihn mit all der Larmoyanz, die vielen Vertretern dieser Zunft eigen ist („Ich schaffe eine Welt und tue doch nichts! Die Maske ist mein Gesicht!“). Herrlich komisch gelingt die Szene, als der Schauspieler „vermummt“ vor Hamlet steht und ihm als Geist seines Vaters unfreiwillig bestätigt, was Hamlets Wahn längst annimmt: Claudius ist der Mörder seines Vaters! Hamlet will das Unrecht sühnen und mordet gleich den erstbesten Wachmann. Zeuge ist dessen Kollege, den Bernd Kurt Goetz herrlich tumb-komisch gibt. Überhaupt werden tragisch-ernste Szenen immer wieder aufgelöst durch komische Akzente. Das macht die Inszenierung kurzweilig und leicht. Die beiden Freunde Hamlets, Güldenstern und Rosenkranz (Julian Pawelczyk und Jan Schwiesau),sind wahre Suffköppe. Bei ihrem Auftritt kommt es zu einem schief klingenden Sauflied. Nicht der einzige Song, der die Inszenierung musikalisch bereichert.

Am Rande der Bühne hat Christoph Deckbar am Piano Platz genommen und begleitet mit seinen Kompositionen die musikalischen Einlagen. Das können völlig sinnfreie Darbietungen sein („Tüten im Wald“) oder auch aufhorchen lassende Lieder, etwa als Dennis Wilkesmann das Schicksal besingt.

Der Schauspieler gibt einen starken Laertes, der die Strippen im Hintergrund versucht in der Hand zu behalten und am Ende tot am Boden liegt.

Mord zum Schluss

Vorher musste aber noch Polonius (Bernd Kurt Goetz) dran glauben – als Spitzel in der Säule, auch hier amüsant aufbereitet. Während sich Hamlet und seine Mutter fetzen, huscht eine rote Plüschsäule hin und her, bis Hamlet zusticht. Natürlich dürfen im Stück kritische Hiebe auf die heutige Gesellschaft nicht fehlen. Dies gelingt jedoch oft nicht mehr als holzschnittartig, wenn etwa nach der Demut von Hartz-IV-Empfängern, nach Hirnen von Politikern und Herzen von Millionären gefragt wird. Die Meinungsfreiheit in Zwangsjacke kommt etwas albern daher, doch über die Idee lässt sich nachdenken. Denn wie viel böse Dummheit reklamiert für sich, als Meinungsfreiheit durchzugehen?

Gegen Ende krönen Michael Hecht und Mareike Greb ihr überzeugendes Spiel als Claudius und Gertrud, er als ein König, der in all dem Wahn brüllend die Nerven verliert, sie als Königin, die sich verzweifelt alkoholintensiv die Kante gibt. Dann kommt die große Sterbeszene, gegenseitiges Morden durch Stiche und Gift. Es wäre nicht dieses Sommertheaterstück, wenn auch nicht der Abschluss eher amüsant als dramatisch wäre.