Magdeburg l Kunst- und Kulturschaffende reiben sich verwundert die Augen, wenn vom Light-Lockdown gesprochen wird. Schließlich sind sie derzeit komplett ihrer Auftritte und Einnahmen beraubt. Zumindest bis Ende November. Doch derzeit gibt es keine Gewissheit, ob Anfang Dezember Theater, Kabaretts, Kinos, Literaturhäuser und all die vielen anderen von Vereinen geführten kulturellen Einrichtungen öffnen dürfen.

„Wir hoffen sehr“, sagt Frank Bernhardt und schiebt hinterher: „Aber ich glaube es nicht.“ Dem künstlerischen Leiter des Puppentheaters hört man die Frustration über die Degradierung zur Freizeiteinrichtung („Wir haben einen Bildungsauftrag“) und die erneut große Ungewissheit an. Zwei Tage vor der neuerlichen Schließungsanordnung hatte das Erwachsenenstück „Schonzeit“ an seinem Haus Premiere. Die Inszenierung war bereits durch den ersten Lockdown vom Frühjahr in den Herbst verschoben worden, jetzt kommt das Stück vorerst wieder nicht auf die Bühne.

„Unser Problem ist dieses Rein in die Kartoffeln und raus aus den Kartoffeln“, sagt Bernhardt. Er beklagt: „Es gibt keine Strategie.“ Und Magdeburgs Generalintendantin Karen Stone zeigt sich einmal mehr verwundert, dass eher über Fußball und Tätowierungsstudios gesprochen werde als über Kunst und Kultur. „Ganz wichtig ist, dass das Ensemble weiter proben kann und zusammenbleibt“, sagt Stone. Der ursprünglich gesetzte Premierentag für das seit langem ausverkaufte Musical „Guys and Dolls“ wird zur Generalprobe umfunktioniert.

Arbeit an Produktionen läuft weiter

Während die Häuser für das Publikum dicht sind, laufen die Arbeiten an den Produktionen weiter. Landauf, landab wird geprobt, verschoben, umgeplant, etliches über den Haufen geworfen. Das Augenmerk liegt auf Dezember. „Ich hoffe auf Lockerungen“, sagt Stone.

Der Aufwand für all das Hin- und Hergeschiebe ist riesig. Die Ticketschalter sind im Ausnahmezustand. Rückgaben, Umbuchungen, Kundenberatungen. „Wir versuchen, uns durch die Ungewissheit nicht zermürben zu lassen - aber viel Spaß macht das ständige Jonglieren zwischen ,Plan A bis Y‘ natürlich nicht“, sagt Johannes Rieger, Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters.

Auch für ihn ist die (Nicht-)Planbarkeit das Hauptproblem: „Wir versuchen, uns auf verschiedene Optionen bestmöglich vorzubereiten. Planungstechnisch wäre für uns die Wiederaufnahme des Vorstellungsbetriebes Anfang Dezember noch die einfachste Version. Bei allem guten Willen gibt es bei manchen Verschiebungen auch gewisse Grenzen: Ein Weihnachtskonzert macht nach Weihnachten wenig Sinn.“

Zuspruch war zunächst groß

Dabei trugen alle Häuser eine positive Stimmung in sich, weil der Zuspruch mit dem Spielzeitstart groß war und sie spürten, dass das Publikum die Vorstellungen ersehnte. Es waren Wochen, in denen man nicht einfach spontan entscheiden konnte, mal ins Theater gehen zu wollen. Durch Corona-Abstands-Forderungen mussten etliche Plätze frei gehalten werden. Das minimierte die Auslastung.

Im Puppentheater, wo es schon unter normalen Bedingungen ein Glücksfall war, an Karten zu kommen, sind bis Jahresende - wen wundert‘s – sämtliche Vorstellungen ausverkauft.

Doch Freude darüber, kommt dieser Tage gar nicht auf. Wenn man mit Theatermenschen - egal, welcher Position - spricht, hört man jede Menge Frust und ein Ungehaltensein.

Ärger über temporäres Berufsverbot

Natürlich sitzt bei den kleinen freien Theatern und Ensembles, für die ihr Spiel theatral bedeutend, finanztechnisch aber überlebenswichtig ist, der Ärger über das temporäre Berufsverbot tief. Ines Lacroix vom Theater an der Angel in Magdeburg: „Wir machen Pläne und wieder neue Pläne. Und dann müssen wir alles wieder umschmeißen.“

Aus ihr sprudelt es heraus, wie froh sie sei, dass Magdeburg nicht europäische Kulturhauptstadt wurde, weil man in diesen Tagen nicht über die Zukunft sinnieren solle, sondern alle Kraft, Hilfe, alles Augenmerk auf die Gegenwart richten müsse. „Wir brauchen keine Diskussionen und Stategien. Wir brauchen Hilfe. Ganz schnell“, sagt sie. Bei den Privaten kommt zur Ungewissheit über den Spielbetrieb die finanzielle Sorge hinzu.

Die Bundesregierung hat derweil am Mittwoch die Einführung eines fiktiven Unternehmerlohns für Künstler und Kulturschaffende und eine Umsatzerstattung von 75 Prozent für Kulturbetriebe unter 50 Mitarbeiter angekündigt. Das aufgelegte Programm hört sich erst einmal gut an, es muss sich noch bewähren.

Die privaten Theaterleute befinden sich erneut im Geldbeschaffungsmodus. Für die kleinen Bühnen geht es um ihre Existenz. Sorgenfrei sind aber die großen, subventionierten Häuser auch nicht. Dort reißt jede Woche Schließung weitere Einnahmelöcher in den zu erbringenden Eigenanteil. In den Wirtschaftsplänen der städtischen Theater Magdeburg für 2021 gibt es viele Unbekannte. Und den geldgebenden Kommunen drohen weitere Steuerausfälle aufgrund der Corona-Krise. Wie der Deutsche Kulturrat meldete, klaffen im Etat der Stadt Bamberg riesige Corona-Löcher. Der Rotstift soll angesetzt werden. Laut Kulturrat soll dort die Kulturförderung im nächsten Jahr um 25 Prozent gekürzt werden. Olaf Zimmermann, Kulturrat-Geschäftsführer: „Es ist zu befürchten, dass wir in der nächsten Zeit weitere Hiobsbotschaften bei der Kulturfinanzierung der Kommunen hören werden.“