23. Orchesterwerkstatt vereinte die Arbeiten junger Musiker mit den Erfahrungen namhafter Komponisten Verstörende Hommage und aufblühende Klanglandschaften
Halberstadt l Das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters leistet seit Jahren etwas ganz Fantastisches: Es spielt als Uraufführung die Musik blutjunger Komponisten. In einer jährlichen Orchesterwerkstatt - mittlerweile vom 8. bis 11. Mai schon die 23. - disputieren die jungen Talente mit namhaften Komponisten und Musikern Ideen, neue Werke und Instrumentierung.
Die erdachte Tonfolge nimmt Gestalt an, wird in Klängen materialisiert. Die jungen Komponisten können sich ausprobieren. Das ist deutschlandweit einmalig, nur Saarbrücken leistet Ähnliches, ist aber wesentlich jünger und findet nur aller zwei Jahre statt. Am Freitag ertönte die klingende Bilanz der Orchesterwerkstatt 2012. Unter der Ägide von Musikdirektor Johannes Rieger gelang das Kunststück, diese Aufführungen neuer Musik von spärlichstem Insiderinteresse zu einem gut besetzten Saal im Großen Haus zu steigern. Viel junges, aber auch Publikum im gesetzteren Alter spendete intensiven Schlussapplaus!
Neun junge Komponisten nahmen an der Werkstatt teil, sieben hatten für das Orchester komponiert. Zuvor aber erklang von dem verdienstvollen Komponisten, Werkstatt-Ratgeber, Juror und charmanten Moderator Prof. Martin Christoph Redel sein Werk "Lacrimae" (Tränen). Auch eine Uraufführung. Die zweiteilige Komposition war eine verstörende Hommage für die verstorbene Geigerin Magdalena Kupf und eine Reflexion auf den Anschlag 2001 auf das World Trade Center, auf "Ground Zero". Die Violinistin Vera Katharina Schmidt spielte den Solopart so schön wie intensiv.
Interessante Studie über die Stimmung einer Vorlesung
Von Xiaoliang Zhou, geboren 1988 in Shanghai, erklang "Phönix" - eine gleichnishafte Komposition zwischen motorischer Kraft, kakophonischer Katastrophe und Aufblühen von Klang-Landschaften. Der 1995 geborene Fabian Luchterhandt hatte für sein Werk "Nebelgestalten" eine literarische Vorlage gewählt. Sein Nebel stellt sich anfangs als feiner, filigraner Holzbläserklang heraus, zu dem allmählich die anderen Instrumente treten.
Die Abiturientin Susanne Hardt aus Mainz - das einzige Mädchen in der Werkstatt - schrieb "Der alte Herr und die Uni". Eine interessante Studie mit klassisch-tonalem Wohlklang. Unrast bricht herein, als sich der Mann zur Vorlesung in die Universität aufmacht. Die Studenten haben ein anderes Tempo als der Alte, es gibt atonale Unruhe. Zum Schluss wackelt der Alte nach der Vorlesung wieder zurück nach Hause - mit klassischen Klängen. Eine schöne Miniatur!
Jakob Stillmark (* 1994) schrieb "Zuflüsse", die Betrachtung eines Flusses. Ein wildes, expressives Geschehen, das zwischen Smetanas "Moldau" und Schostakowitschs 11. Sinfonie "Das Jahr 1905" zu pendeln schien. Von Patrick Schäfer (*1993) kam die Komposition "Im Spiegel". Eine intensive Selbstbetrachtung. Sie beginnt mit Herztönen der Pauke und der großen Trommel, nimmt Streicher und Flöte auf und beschert den Bläsern großen Themenreichtum. "Drei Tänze für Orchester" steuerte der 26-jährige Ehsan Mohagheghi Fard bei. Der gebürtige Teheraner schrieb sie vor fünf Jahren für Klavier und erweiterte sie nun um die Orchesterfassung. Europäisch im 3/4-Takt ein Walzer, dazu arabische Klänge und eine Synthese beider Kulturen - die sinfonischen Miniaturen waren spannend!
Zum Abschluss ein Werk des bereits zweimal bei den Werkstatttagen mit Preisen geehrten 14-jährigen Hallensers Carl-Frederick Zeh: Sein "Schattenhall" (nach Walter Moers Buch "Die Stadt der träumenden Bücher") war großartig. Er schuf klanglich verschiedenste Räume, gefüllt mit kammermusikalischem Interieur.