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Bei "Hänsel und Gretel" im Magdeburger Opernhaus erlebt man die sommerliche Poesie des Waldes Verwandlungen vor den Augen der Kinder

Von Irene Constantin 14.05.2012, 03:31

Am vergangenen Sonnabend hatte die Märchenoper "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck Premiere in Magdeburg. Die Regie führte Kares Stone, die musikalische Leitung hatte Michael Balke.

Magdeburg l Karen Stone, Generalintendantin und Regisseurin von "Hänsel und Gretel", begriff Walderdbeeren, Hagebutten, Blumenkränzlein und einen guten Schlaf unterm Tannenbaum sehr richtig als Attribute des Sommers. Und so gibt es Magdeburgs Märchenoper logisch, wenn auch ungewohnt, im Mai.

Richard Strauss, Felix Mottl, Hermann Levi: die allererste Garnitur der Dirigenten am Ende des 19. Jahrhunderts stand Schlange, um Engelbert Humperdincks großen Wurf uraufführen zu dürfen. Richard Strauss bekam den Zuschlag, in Weimar fand das Ereignis statt und seit dem 23. Dezember 1893 ist die Beliebtheit des Werkes ungebrochen.

Das Werk kann Kindern die Welt der Oper wirklich eröffnen, denn "Hänsel und Gretel" verbindet Kinderlieder wie das Tanzduett "Brüderchen, komm tanz mit mir" oder "Suse, liebe Suse" mit dem großen Gesangston und Orchesterklang der "erwachsenen" Oper.

Eigentlich hatte Humperdincks Schwester Adelheid Wette ihren Musiker-Bruder nur um eine musikalische Geburtstagsüberraschung für ihren Mann gebeten. Sie hatte "Hänsel und Gretel" zum Märchenspiel umgedichtet und es sollte im Familienkreis mit Gesang aufgeführt werden. Die Verwandtschaft war begeistert, es wurde gefeiert, ein wenig getrunken, geredet - am Ende stand die Opern-Idee.

Humperdinck, Richard Wagners junger Assistent beim "Parsifal", hatte das musikalische Narkotikum vom Meister selbst verabreicht bekommen und komponierte seine Wagner-Begeisterung parodistisch in die Märchenoper hinein. Insbesondere nutzte er dazu die Ouvertüre, den orchestralen "Hexenritt" und die Traummusik. Die Textdichterin steuerte den "Griesgram, gräulichen Wicht, griesiges, grämiges Galgengesicht" für das "Kinderstuben-Weihfestspiel" bei. Diesen Spaß mit der Magdeburgischen Philharmonie klanglich deutlich herauszuarbeiten, hat Michael Balke jedoch versäumt.

Das Hexenhaus erinnert an einen Grenzwachturm

Es wurde vor allem klangschön musiziert. Besonders der sommerlichen Poesie des Waldes arbeitete die sehr weich gezeichnete Ouvertüre vom ersten zarten Ton der Hörner an zu.

Der durchweg seidige Sound verschliff ein wenig die Kontraste zwischen den schlichten Stücken im Volkston und dem Griff in die spätromantische Fülle. Auch sollte sich wohl kein Magdeburger Kind an der Musik auch nur ein wenig gruseln.

Leider boten diverse Regie-Aus- und -Einfälle für die Erwachsenen einigen Grund dazu. Gravierendstes Beispiel: Die wunderbare Undine Dreißig war als Mutter und Knusperhexe doppelt besetzt und Karen Stone ist es nicht eingefallen, aus dieser Konstellation kräftiges inszenatorisches Kapital zu schlagen. Kein Kostümdetail, weder die Körpersprache noch irgendeine einzelne Geste deuteten eine womöglich sogar für Kinder erkennbare untergründige Identität an. Die erschreckend gefühlskalte, genervte Frau im ersten Bild hat mit der lilahaarigen Küchenfee im dritten nichts zu tun. Irritierend eher die auch beim Happy End unversöhnte Familie; Kinder und Vater, Mario Solimene mit solider Gesangsleistung, tanzen - Mutter freut sich fernab und ganz allein am schicken Nachlass aus der Hexenküche.

Die Architektur des Hexenhauses mit seiner platten Anspielung auf einen Grenzwachturm mit bannenden Suchscheinwerfern, schlitzartigem Fenster, Kindergefängnis und Lebkuchenstern auf dem Dach (Ausstattung Ulrich Schulz) als den im Vorfeld versprochenen lokalen Bezug des Märchenspiels zu werten, gelingt nicht einmal bei bestem Willen. Zwei einzelne Flughexen machen auch noch keinen Hexentanzplatz. Das als "Holiday-on-Ice"-Prinzessin auftretende Taumännchen wiederum hat sich um einige hundert Kilometer vertan und gehört ins Sächsische. Allein der Sympathieträger Sandmann erfüllte, bis auf den missratenen Bart, "ostige", wenngleich keineswegs regionale Niedlichkeitserwartungen.

Zu den besten Momenten der Inszenierung gehören ausgerechnet die offenen Verwandlungen. Sie können Kindern zeigen, wie Theater funktioniert ohne es zu entzaubern. Courtinen werden herabgelassen, Dekorationsteile gedreht, Baumstämme schweben vom Bühnenhimmel, Disko-Kugeln machen Sterne, das Hexenhaus wird hereingeschoben.

Der zweite Pluspunkt ist die ganze herrlich anarchische Hexenküchenszene. Ordentliche Mütter und Omas müssen sehr stark sein, wenn Undine Dreißig und auch das brave Gretelein Julie Martin du Theil ihrem theatralischen Affen buchstäblich Zucker geben.

Hänsel, Susanne Drexl, wird dabei im wahrsten Sinne des Wortes in Watte gepackt. Die beiden - stimmlich sehr guten - jungen, aber durchaus erwachsenen Sängerinnen müssen übrigens sehr kindisch auftreten. Deutlich als Jugendliche inszeniert hätten sie sicher eine bessere Figur gemacht.

Die wirklichen Kinder auf der Bühne, kleine Englein mit lampenbestückten Bergmannshelmen (?) und der Lebkuchenkinderchor waren allerdings ganz allerliebst in Gesang und Spiel.