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Berliner Studenten proben im Wissenschaftshafen für das 9. Internationale Figurentheaterfestival Vom Boulevard in eine Welt der Kunst

17.06.2011, 04:31

Zig Ballone hängen über dem Kopfsteinpflaster der Otto-Hahn-Straße. Musik klingt aus den Hallen. Es ist quirlig geworden in einer Straße, in der sonst eigentlich nicht so richtig was los ist. Kunst zieht in den Wissenschaftshafen. Für eine Nacht. Für "La notte" morgen Abend. 6000 Besucher werden zur Eröffnung des 9. Internationalen Figurentheaterfestivals erwartet.

Von Grit Warnat

Magdeburg. Nicht alle Fensterscheiben der Halle haben den Leerstand überlebt. Der Putz bröckelt. Die Lampe über dem Eingang muss seit langem kein Licht mehr spenden. Das Rolltor, verziert von Graffiti, ist halb hochgezogen. Daneben steht in schwarzen Lettern auf weißem Grund - man mag es kaum glauben - "Zugang vom Boulevard". Musik dringt aus dem Inneren, Kirchenglocken, Stimmen.

Es ist der Spielort 2, einer von vielen in der Nacht zum Sonntag. Spielort 2 ist eine außergewöhnliche Bühne für eine außergewöhnliche Werkstatt. Hier proben Studenten der Abteilung Puppenspielkunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und weitere sechs junge Leute. Professor Markus Joss gibt kurze Hinweise, er überlässt den Studenten das Entscheiden, das Organisieren. Drei Stücke wollen sie zeigen, die speziell für diesen Ort entstanden sind. Es geht ihnen dabei um Menschen, Puppen und digitale Netztechnik.

Sehr verschiedene Produktionen verspricht Joss den Besuchern. Man beschränke sich nicht nur auf "How to place your face" - Improvisation mit Marionetten - wie im Programmheft zu "La notte" ausgeschrieben. "Affen mit Waffeln" werde geboten, eine Inszenierung mit körperbetonten, choreografischen, tänzerischen Elementen. Und in "Zweifellos bin ich glücklich" - fünf Tonnen Sand wurden dafür angefahren - werde mit einer Tänzerin und Videos gearbeitet. Die Studierenden können sich in den Stücken als Theaterkünstler in der ganzen Bandbreite der Genres begreifen, sagt Joss. Und Puppentheater sei ein Teil davon.

Seit vielen Jahren präsentiert sich die Hochschule zum Festival. Auch Markus Joss, der einstige Chef des Dresdner Puppentheaters, hat schon mehrmals mit dem Magdeburger Haus zusammengearbeitet.

Vorfreude auf morgen Abend? "Ja sehr", sagt Joss. "Ich staune immer wieder, was zum Auftakt hier in Magdeburg auf die Beine gestellt wird."

Er ist gespannt, wie die Studenten ihre Ideen umsetzen, wie das Publikum reagieren wird. Weitere zwei Stücke "Prometheus in Future" und "Epimetheus - Gefangen in der Traumfabrik" werden die Studenten im Laufe des Festivals zeigen. Letzteres dann auf der kleinen Bühne im Puppentheater.

"Für uns ist das hier unglaublich reizvoll", sagt Joss. Er meint natürlich die Teilnahme am Festival, aber eben auch den eigenwilligen Auftrittsort in Elb-Nähe. Dort erklingt wieder Musik. Eine triste Wand wird durch ein Video farbig und belebt. Die Proben gehen weiter. "Soundcheck!" "Kamera läuft?" Eine Puppe tanzt über die Bühne.

Draußen in der Otto-Hahn-Straße hängen die Ballone wie zig Monde von Halle zu Halle. Plötzlich leuchten sie auf. Der Elektriker schaut zufrieden. Musik, Autos, Handwerker. Das Treiben geht weiter. Bis morgen. Dann muss alles passen für das nächtliche Kunstvergnügen auf dem Boulevard.