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Sechs Hörbücher zur bevorstehenden Weihnachtszeit - zum Verschenken und Selberhören Von Pferden und Ehefrauen, Nazis und Vampiren

Von Winfried Borchert 17.12.2011, 04:26

Weihnachtszeit - Hörbuchzeit. Die Volksstimme stellt sechs Hörbücher aus aktueller Produktion vor.

Magdeburg l Wenn es zum "Fest des Friedens" wieder einmal alles andere als friedlich zugeht und ein Funke das emotionale Pulverfass zur Explosion bringt, ist es tröstlich zu wissen, dass es auch anderen so ergeht.

Selbst Axel Hacke, psychologisch gestählt durch Nachtgespräche mit seinem neurotischen Kühlschrank Bosch, bekommt im Disput mit seiner Frau Paola schnell die Grenzen aufgezeigt. Zum Beispiel in der Hektik des Aufbruchs zu einem Fest. Oder in der schwierigen Frage, ob man die Parklücke 500 Meter vor dem Kino nehmen sollte beziehungsweise - Risiko - auf einen Platz direkt vor dem Eingang hofft. Wieder einmal erweist sich Axel Hacke nicht nur als feiner Beobachter alltäglicher Tücken, sondern auch als unterhaltsamer Erzähler. Weit und breit ist er der einzige mögliche Nachfolger des großen Loriot.

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Eine andere Geschichte, auch so recht zu Weihnachten passend, wird in "Gefährten - War Horse" erzählt, herausgebracht vom Berliner Audio Verlag.

Einem Weihnachtsgeschenk kommt das junge Fohlen gleich, das Albert Narrocotts Vater eines Abends vom Bauernmarkt mitbringt: Klug, wild und rothaarig, erobert "Joey" sofort das Herz des jungen Engländers. Doch die Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg sind hart, und so währt Alberts Glück nur wenige Jahre. Um den Hof zu retten, verkauft der Vater das zum Prachtpferd herangereifte Tier an die Armee, womit eine wahre Odyssee über die Schlachtfelder des Krieges beginnt und das gute Ross sogar für die deutsche Armee Dienst tun muss. Aller Warnungen und Widrigkeiten zum Trotz begibt sich Albert auf eine abenteuerliche Suche durch halb Europa, die wir Hörer dank der Lesung des jungen Schauspieltalents David Kross mit wachsender Spannung miterleben können.

Ein zu Herzen gehendes Hörbuch für die Familie, zugleich mit ernstem Hintergrund. Es bietet eine Einstimmung auf den gleichnamigen Kinofilm von Steven Spielberg, der im Frühjahr in Deutschland starten soll.

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"Ich weiß nicht, wo ich bin... Ich erinnere mich an gar nichts..."- so werden wir in "Ich.darf.nicht.schlafen." mit der Hauptperson Christine bekannt gemacht. Jede Nacht verliert die Frau ihr Gedächtnis und ist nächsten Morgen auf Ben angewiesen, ihren Ehemann, der das Leben der beiden fest in der Hand hält. Stets beginnt Christine wieder bei null, wäre da nicht Dr. Nash, der ihr rät, ein Tagebuch zu führen und der ihr täglich aufs Neue mitteilt, wo sie es versteckt hat. Irgendwann beschleichen Christine leise Zweifel an den Geschichten, die ihr Mann erzählt.

Andrea Sawatzki gelingt es meisterhaft, die Spannung des Thrillers immer weiter zu steigern. Nur widerwillig unterbricht man als Hörer diese Lesung für Notwendiges wie Essen und Schlafen. Fast ist man versucht, gleich die letzte CD einzulegen, doch halt! Die Geduld lohnt sich.

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Ein Hörerlebnis für starke Nerven bietet "Böses Blut". Ein aktuelles Verbrechen an einem schwedischen Literaturkritiker in New York führt die Polizei zu einer 15 Jahre zurückliegenden Mordserie. Gebannt von der fesselnden Lesung Till Hagens erfahren wir nach und nach das perfide Vorgehen des Killers, der seine Opfer zunächst durch einen Eingriff die Stimme raubt und sie dann mit quälend zelebrierter Rohheit tötet.

Bilder von Vietnamesen mit durchstochenen Hälsen tauchen auf, auch von Amerikanern im Vietnamkrieg - schließlich erfahren wir, was es mit diesen Pfeilen auf sich hat. Grausig, zu welchen monströsen Tätigkeiten Menschen im Krieg "befähigt" werden. Ein spannender Kriminalroman mit Anspruch.

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Wer einem Historienfan eine Freude machen möchte, ist bei Golo Manns "Deutscher Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" goldrichtig. Beeindruckend, mit welch großem Sachverstand, analytischer Brillanz und sprachlicher Raffinesse Golo Mann die Deutschland prägenden Etappen von 1800 bis in die 1950er Jahre zerlegt, ordnet und zusammensetzt. Er spannt den Bogen vom Wiener Kongress über die Revolution von 1848, vom Aufstieg Preußens zur Führungskraft im Deutschen Bund über Wilhelms Kaiserreich und den Ersten Weltkrieg. Er ergründet die schmerzhafte Geburt der Weimarer Republik und ihr Scheitern mit Hitlers Machterschleichung.

In "Der Nazistaat" schildert Mann den rasanten Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, die durch Krupp Co. heimlich geförderte Übernahme des Staatsapparates durch eine Bande von Gaunern, Abenteurern und Mördern. Die anschließende "Gleichschaltung" von Medien, Kultur, Justiz, Wirtschaft und Armee, die erbarmungslose Verfolgung von Juden und Andersdenkenden, den zielstrebigen Weg in die totale Diktatur. Und doch war all das nur das Vorspiel für den lange geplanten großen Krieg zur Erlangung der Weltherrschaft. Es folgte das Ende in der Katastrophe.

Geschichtsstunden mit dem Erkenntnisgewinn eines Sachbuches und der Spannung eines Krimis, eingängig mit sonorer Stimme erzählt von Claus Biederstaedt und Achim Höppner.

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Um Mythos und Wahrheit geht es auch in der Stimmbuch-CD "Dracula". In dem geschickt zwischen Bram Stokers blutdürstender Story und der Wirklichkeit pendelnden Stück erfährt der Hörer Wissenswertes über die Entstehung des Vampirglaubens, seine mannigfaltige Ausnutzung durch katholische Kirche ebenso wie Nicolae Ceauescus Tourismusfunktionäre. Und er lernt, dass Stoker seinen "Dracula" um ein Haar in der Steiermark angesiedelt hätte, wäre ihm nicht zufällig ein Büchlein über den rumänischen Karpatenfürsten Vlad in die Hände gefallen.

Ein sorgsam mit Musik und Geräuschen inszeniertes Stück, das seine suggestive Wirkung wohl am besten entfaltet, wenn der nächste Schneesturm um die Hausecken heult.