Wie Flüchtlinge die Berlinale erleben
Nicht nur auf der Leinwand geht es bei der Berlinale um das Schicksal von Flüchtlingen. Hospitanten etwa aus Syrien arbeiten hinter den Kulissen mit, Willkommensklassen schauen sich Filme an, und Paten gehen mit ihren Schützlingen ins Kino.
Berlin (dpa) - Er hat den Überblick hier im Kino - und Antworten auf die Fragen der Besucher. Dieser Platz ist frei. Sie können sich setzen, sagt Hussam Nayef freundlich zu zwei Gästen im gut gefüllten Berliner Kino International unweit vom Alexanderplatz und deutet auf die beiden Sitze vor sich.
Der 27-Jährige ist Hospitant bei der Berlinale, die gerade Stars und Kinofans aus aller Welt in die Hauptstadt lockt. Der junge Mann hat auch einen weiten Weg hinter sich, er kommt aus Syrien.
Kurz vor Beginn des nachmittäglichen Films eilen noch zwei Gäste aus dem Kinosaal und fragen nach dem Weg zum Klo. Warten Sie mit dem Film, scherzt einer von ihnen und Hussam lacht etwas verlegen. Ausnahmsweise ein Wunsch, bei dem er nicht helfen kann. Doch schon die nächste Frage und der nächste Gast, der seine Hilfe benötigt.
Den Platz zuweisen, sich um das Wohl der geladenen Gäste kümmern, Tickets kontrollieren, nach der Vorstellung wieder für Ordnung sorgen - dies sind ein paar der Aufgaben, um die sich der 27-Jährige kümmern muss. Hier ist immer etwas los, vor allem wenn ein bekannter Regisseur oder Schauspieler kommt, erzählt er.
Über seinen Weg nach Deutschland und Persönliches möchte er nicht sprechen. Nur so viel: In Syrien hat er studiert, einen Abschluss gemacht - Filme seien ihm schon immer wichtig gewesen. Ich habe viele Filme regelrecht verehrt, erzählt er. Seit fünf Monaten ist er nun in Berlin. Hier im imposanten Kino kommt er mit Englisch gut zurecht, doch in der nächsten Zeit steht wieder Deutschlernen ganz oben auf dem Programm.
Das Berliner Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge (BBZ) hat ihm den Platz bei der Berlinale vermittelt. Insgesamt 19 Hospitanten im Alter von 18 bis 35 Jahren sind über das BBZ zum größten Publikumsfestival der Welt gekommen, wie Sozialarbeiterin Kerstin Schukalla erläutert. Manche haben ein besonderes Interesse für Filme, für andere ist es der erste Kontakt mit der Kinowelt. Wie Hussam Nayef arbeiten sie etwa vier bis fünf Stunden pro Tag während des Festivals. Es geht vor allem darum, die fremde Sprache anzuwenden, Menschen kennenzulernen und in einem Team zu arbeiten.
Was gefällt ihm an der Berlinale? Hier kommen die verschiedenen Kulturen der Welt zusammen. Das ist gut für mich, sagt der 27-Jährige. Den Kinobesuchern begegnet er ohne Scheu. Zugewandt und zugleich pragmatisch wirkt er. Er ist freundlich und neugierig, sagt ein Kollege über ihn. Nur das Mikrofon hält er nicht so gern, verrät er mit einem Lächeln. Ich arbeite in einem tollen Team, bekennt Nayef. Viel Zeit zum Plaudern bleibt nicht, denn der Film geht gleich los, und er wird wieder gebraucht. Das Schöne ist, ich kann die Filme, die hier laufen, immer mitschauen.
Solche Hospitanzen sind aber nicht die einzigen Veranstaltungen des Festivals, bei denen es um geflüchtete Menschen geht. Die 66. Berlinale blickt in diesem Jahr aus verschiedenen Blickwinkeln auf deren Schicksal. Mit der Aktion Patenschaften für Kinobesuche werden Berlinale-Besuche für Flüchtlinge organisiert. Erstmals in seiner Geschichte bittet das Festival Besucher zudem um Spenden. Unterstützt werden soll damit das Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin, das sich um traumatisierte Menschen aus Kriegsgebieten kümmert.?
Ortswechsel: Im Cinemaxx am Potsdamer Platz, dem Zentrum des hektischen Berlinale-Treibens, kommt Lehrerin Andrea Riedel mit drei Willkommensklassen der Berliner Friedensburg-Oberschule aus dem Kinosaal. Mit dabei sind vor allem Kinder aus Syrien. Den neuseeländischen Tanzfilm Born to Dance aus der Reihe Generation 14plus haben sich die Kinder im Alter von 13 bis 17 angeschaut. Ein junger Maori will Profitänzer werden und nicht zum Militär.
Daumen rauf oder runter? Das ist die erste Frage der Lehrer nach der Vorführung. Mehrheitlich kam der Film demnach gut an. Viele von den Kindern sind das erste Mal in Deutschland im Kino, vermutet die Pädagogin. Mit so einem Film lasse sich auf unterschiedlichen Ebenen sehr viel lernen und im Unterricht weiterarbeiten.
Der Leiter des Berlinale-Schulprojekts, Martin Ganguly, sieht es so: Wir sind in einem Zeitalter, wo das bewegte Bild eine Form des Ausdrucks ist. Hier lernten die Kinder, was andere zu erzählen haben. Und mit einem guten Film sei viel möglich. Denn die Schüler arbeiten nach dem Besuch weiter mit dem Thema des Films.
Und müssen sie sich jetzt auf eine spontane Klassenarbeit über den Ausflug in die Kinowelt einstellen? Lehrerin Riedel gibt Entwarnung und versichert: Nein, das machen wir nicht.
