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Im Gespräch mit Ralf Niebergall, dem Präsidenten der Architektenkammer "Wir wollen über das Schöne und das vermeintlich Hässliche reden"

10.11.2012, 01:15

Baukünstlerisch anspruchsvoll gestaltete Gebäude, Innenräume und städtebauliche Ensembles werden für den Architekturpreis Sachsen-Anhalt 2013 gesucht. Über den Preis und kreatives Architektenpotenzial im Land hat sich Grit Warnat mit Ralf Niebergall, dem Präsidenten der Architektenkammer, unterhalten.

Volksstimme: Herr Professor Niebergall, die Preisträger der vergangenen Jahre waren öffentliche Gebäude. Nutzen öffentliche Auftraggeber stärker Architektenleistungen als Privatleute?

Professor Ralf Niebergall: Das kann man so nicht sagen, aber öffentliche Auftraggeber machen für bedeutende Bauten Wettbewerbe, also konkurrierende Verfahren. Man hat eine Auswahl, kann unter den Besten aussuchen.

Volksstimme: Sie setzen in diesem Jahr auf die Themen Energiewende, Klimaschutz und Demografiewandel. Was kann man einreichen, wenn es um Demografiewandel geht? Für den sogenannten Rückbau bekommt man ja im Allgemeinen keinen Architekturpreis.

Niebergall: Wir Architekten sehen demografischen Wandel nicht alleinig darin, mit einer schrumpfenden Bevölkerungszahl umzugehen. Es kommt auch darauf an, die Attraktivität unserer Städte zu erhalten, um junge Leute im Land zu halten. Finden sie attraktive Arbeitsplätze, ein familienfreundliches Umfeld mit Kindergärten und entsprechenden Wohnungen? Das sind auch architektonische Herausforderungen.

Volksstimme: Wenn Sie aus dem Fenster schauen, blicken Sie in einer Richtung auf Kräne am Elbbahnhof, in der anderen auf den gotischen Dom. In welche Richtung schauen Sie lieber?

Niebergall: In beide. Wichtig ist, dass sich in den innerstädtischen Bereichen Neues mit Historie mischt, einerseits zwar respektvoll mit der Historie umgegangen wird, aber Neues auch als Neues erkennbar ist. Es gibt dafür viele Beispiele in Sachsen-Anhalt, in Magdeburg, in den Lutherstädten Eisleben und Wittenberg, natürlich auch die gerade eingeweihte neue Kulturstiftung des Bundes in Halle. Das Gebäude passt sich in den Maßstab der Stadt ein, ist aber supermodern. Das sind spannende bauliche Entwicklungen.

Volksstimme: Solche Bauten rufen auch immer wieder Diskussionen hervor. Inwieweit kann ein Architekturpreis solche Diskussionen positiv befördern?

Niebergall: Sie führen im besten Falle dazu, dass man sich fragt, was interessant und schön ist, um für einen Architekturpreis vorgeschlagen zu werden. Dieser Dialog hilft, von etwas eindimensionalen Urteilen wie "Betonbunker" oder "hässlich" wegzukommen und sich damit auseinanderzusetzen, was sich Architekten gedacht haben und wie sie auf Wünsche späterer Nutzer eingegangen sind. Wir wollen in die breite Öffentlichkeit, zeigen deshalb die prämierten Arbeiten in Ausstellungen in verschiedenen Städten. Wir wollen ins Gespräch kommen und über das Schöne und das vermeintlich Hässliche reden.

Volksstimme: Architektur ist Geschmackssache. Woran orientiert sich die Jury? An der Gestaltung, an Funktionalität?

Niebergall: Das eine ist der absolute Wert der architektonischen Qualität, was zu tun hat mit Funktion, Gestaltung, dem Sicheinfügen in einen Kontext. Der andere Aspekt ist die Frage, was für Sachsen-Anhalt zukunftsweisend, herausragend ist. Dieser Aspekt hat auch mit sozialen Bedingungen in einem Land zu tun. Und so wurde schon ein Skaterpark in Halle-Neustadt ausgezeichnet, vielleicht nicht das architektonische Highlight, aber ein wichtiger Ankerpunkt in einem schrumpfenden Stadtgefüge. Dazu gehört auch das mit vielen Preisen ausgezeichnete Lesezeichen in Magdeburg-Salbke.

Volksstimme: Sind wir in Sachsen-Anhalt gut bestückt mit Architekten?

Niebergall: Das ist eine konjunkturelle Frage. Im Moment, in dem viele Menschen wenig Vertrauen in ihren Euro haben und in Betongold, also Immobilien, investieren wollen, sind viele Architekturbüros gut ausgelastet. Aber das sind Wellenbewegungen. Im bundesdeutschen Vergleich liegen wir unter dem Durchschnitt.

"Die Alleinstellung ist nur die eine Seite."

Volksstimme: Wie schwer ist es für Architekten, gegen Einfamilienhäuser von der Stange zu bestehen?

Niebergall: Das war insbesondere in den 90er Jahren unser Problem. Der Einfamilienhausbau war komplett dominiert von den Fertighausanbietern. Das lag auch daran, dass viele DDR-Bürger eine gewisse Berührungsangst gegenüber Architekten hatten. Es war nicht in den Gedanken verankert, ich gehe zum Architekten und lasse mir ein Haus bauen. Wir sind sehr froh, dass sich dieses Denken gewandelt hat.

Volksstimme: Setzen Bauherren heute vielleicht auch stärker auf das Individuelle?

Niebergall: Die Alleinstellung ist nur die eine Seite. Vielmehr sind die Lebensentwürfe heutzutage wesentlich vielfältiger als noch vor Jahren. Manche arbeiten zu Hause, manche wollen große Wohnräume. Heute muss das Haus stärker wandelbar sein.

Volksstimme: Es können sich nicht nur Architekten mit ihren Bauherren für den Preis bewerben. Jeder kann Vorschläge unterbreiten. Was erhoffen Sie sich davon?

Niebergall: Ich denke, es kommt eine andere Sicht hinzu. Es kann nur gut sein, wenn es uns gelingen sollte, den Blick der Menschen bewusster auf Architektur zu lenken und stärker dafür zu sensibilisieren, was um sie herum geschieht. Es geht uns um eine bewusste Wahrnehmung.