1. Startseite
  2. >
  3. Kultur
  4. >
  5. Zwischen Wissenschaft und Tanz im Hinterhof

Eröffnung des Internationalen Figurentheaterfestivals Zwischen Wissenschaft und Tanz im Hinterhof

20.06.2011, 04:38

Der Wissenschaftshafen Magdeburg war eine Nacht lang das Zuhause für 150 Künstler und Bühne für traditionelles Handpuppenspiel, Tanz, digitale Welten, Straßen- und Objekttheater. Das Puppentheater Mageburg brach dort mit "La notte", der Eröffnungsveranstaltung für das 9. Internationale Figurentheaterfestival, "... zu neuen Ufern" auf.

Von Grit Warnat

Magdeburg. Es ist noch keine Bühne in Sicht, da ziehen die Timecruiser und Wastelander mit ihren Zeitmaschinen durch die enge Menschenmenge. Erschreckende, düstere Kreaturen aus einer anderen Welt, die auch schon mal drücken und küssen. Die mobilen Kunstwerke des Abacus Theaters fauchen und zischen und fahren bis in die tiefe Nacht hinein über das sechs Hektar große "La notte"-Areal. Die Männer auf ihren verrückten Schrotthaufen ziehen immer wieder die Blicke und die Fotoapparate auf sich. Man kann sie nicht übersehen. Auch nicht "Die Dame und die Zofe" in ihren herrschaftlichen Kostümen. Auf hohen Stelzen stolziert majestätisch das Teatro Pavana über das Gelände.

Ein großes Kugelgerüst zieht die Blicke auf sich. Inua, der Schamane, das Pferd und der Tod werden hier angekündigt. Man braucht Stehvermögen für eine vordere Reihe. Die Menschen drängen sich. Das zirzensisch-theatrale Theater, eine von drei Produktionen französischer Gäste im Wissenschaftshafen, soll sehr anregend sein. Augen kleiner Menschen finden nur äußerst schwer Pferd und Reiter.

Plaudernde Ratte und ein Hühnerstall

Weiter geht es im weiten Areal. Das Programm führt immer wieder von moderner Architektur hin zu Kopfsteinpflaster und alten, leerstehenden Gebäuden. 16 Spiel- und Aktionsflächen wollen erlebt werden – das an einem Abend bewältigen zu wollen, ist ein unmögliches Unterfangen.

Da steht Eike von Repgow neben Martin Luther. Und Hermann August Jacques Gruson – in der einen Hand eine dicke Zigarre, in der anderen ein Kaktus. Peter Josef von Lenné erzählt lautstark etwas von blühenden Landschaften, die er damals schon in Magdeburg kennengelernt hat ...

Eine Menschentraube in der Montego Beach Bar. Cornelia Fritzsche plaudert mit ihrer Ursula von Rätin, einer Ratte, die über sich und die Welt sinniert. Köstliches Entertainment der Sächsin mit einem Schaumgummi-Tier, das so herrlich erfrischend Gefühle entwickelt. Wenige Schritte weiter ein "Hühnerstall". Viel Beifall für das kurzweilige Straßentheater. Wieder schlechte Karten für kleine Menschen. Zu viele Leute, wird immer wieder bemerkt. 6000 Besucher – ausverkauft – wollen was sehen und erleben.

Beim Einbiegen in die Otto-Hahn-Straße wirds farbig. Die Magdeburger Strichcode-Sprayer zaubern aus einem trist-grauen Rolltor der leerstehenden Halle einen Kolibri an einer Blüte – eine bleibende Erinnerung an "La notte".

Hier in der durch Ballone und Kuben (einige hat das Unwetter hinfortgeweht) beleuchteten Straße wirds besonders eng. Anstehschlangen bei Getränken, Anstehschlangen, um die "Buckaunauten" zu sehen, Skulpturen und Lampen aus recycelbarem Material, das von Buckauer Künstlern der Müllverbrennung entrissen wurde. Der Security-Mann hat alle Hände voll zu tun. Ein junger Gast jubelt: "Juchu, ich bin drin."

Die lange Schlange vor dem modernen Bau des VDTC des Fraunhofer-Instituts reißt auch nicht ab. Alexandre Sementchoukov soll dort zu erleben sein in einer Tanzetüde in einer digitalisierten Welt.

Engel über dem Hafenbecken

Zu späterer Stunde, als es dunkel ist und menschenleerer wird und die Illuminationen wirken, öffnen sich dem neugierigen Besucher leichter die Türen zu Theater und Musik, zu Tanz und Performance. Voll ist es aber immer noch in einem düsteren Hinterhof einer einstigen Werkhalle. Dort, wo sich sonst nie ein Mensch hin verirren würde, faszinieren Mann und Frau in einer Synthese aus Theater und Tanz. Eine Performance um die Grundelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Wunderbares Spiel vor der Backsteinwand des verfallenen Gebäudes. Raum zum Staunen und Entdecken.

Vom Verfall zur Moderne, zur Wissenschaft. Nicht minder begeisternd, wenn auch auf ganz andere Art, ist am "Weg des Wissens" die Lichtinstallation an der Außenfassade der Denkfabrik. Erst verschieben sich die Balkone, dann brennt das Haus, scheint Feuer aus den Fenstern zu züngeln. Dann stürzt das Haus ein, weil ein Zug durchfährt. Was alles am Computer entstehen kann!

Nebenan öffnet sich ein Fantasialand. Am jetzt sternenklaren Himmel schwebt am Haken eines Kranes das "Herz der Engel". Es ist ein Tanz der acht Engel hoch oben über dem Wasser. Poetisch, schön, verführerisch-bezaubernd. Da ist er spürbar, dieser Zauber, der die "La notte"-Inszenierungen ausmacht.