Berlin (dpa) - Rostiger Stacheldraht, Kapitelle von der gesprengten Berliner Versöhnungskirche auf dem früheren Todesstreifen, ein zerlegter Wachturm der DDR-Grenzanlagen.

Was auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium von Resten der Vergangenheit aussieht, wird beim Erklären von Kurator Manfred Wichmann zu lebendiger Geschichte der deutschen Teilung. Das Lapidarium (Steinsammlung) der Berliner Mauer-Stiftung direkt neben der Gedenkstätte an der Bernauer Straße ist etwa so groß wie zwei Fußballfelder und eine Sammlung der besonderen Art.

Hier hat die Stiftung unter freiem Himmel rund 350 originale Objekte von der Berliner Mauer zusammengetragen - gefunden etwa bei Bauarbeiten am nahen Nordbahnhof oder beim Aufbau der zentralen Mauer-Gedenkstätte. Auf einer Holzpalette liegt auch eine Büste des DDR-Grenzsoldaten Egon Schultz, der bei einem Schusswechsel mit Fluchthelfern versehentlich von den eigenen Leuten erschossen, dann aber zum Opfer des Westens stilisiert wurde. Jahrelang lag die nach dem Mauerfall abgebaute Steinfigur im Keller der Rostocker Polizei.

Nur ein Teil der historischen Zeugnisse lagert notdürftig unter einem Dach und ist in abgeschlossenen Drahtboxen gesichert. Leuchtmasten, Grenzpfähle, Beton-Fundamente und die achteckige Kanzel eines DDR-Wachturms aus dem brandenburgischen Havelberg liegen oder stehen im Freien. Eine Halle für all das ist der Wunschtraum des Historikers.

Knapp 160 Kilometer war die Grenze um Berlin lang. Mindestens 140 Menschen starben durch das DDR-Grenzregime. "Je weiter Mauer und Teilung zurückliegen, umso wichtiger werden originale Objekte", betont Wichmann, der bei der Mauer-Stiftung seit 2012 das Archiv und die Sammlungen betreut. Sein Anliegen ist, zu jedem Fundstück eine Geschichte erzählen zu können. "Das macht dann die historische Relevanz aus."

Habe man nicht nur das bloße Zeugnis der Vergangenheit, sondern noch einen Zeitzeugen oder ein Foto, könne die Geschichte selbst Menschen begreiflich werden, die die Teilung nicht selbst erlebt haben. "Ich bin hinter den Geschichten her", bekennt der 46-Jährige.

Seit zwei Jahren baut Wichmann eine Datenbank auf. Ein Zwischenziel hat er fest im Blick: Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2019 sollen die ersten Stücke aus dem Lapidarium online präsentiert werden. Bislang ist das zur Mauer-Stiftung gehörende Gelände nicht öffentlich zugänglich. Gelegentlich gibt es extra Führungen.

Wichmann zeigt auf ein großes rostiges Tor. Unbemerkt habe es 25 Jahre in einem Graben im Stadtteil Treptow gelegen, erzählt der promovierte Historiker. Entdeckt habe er es beim Joggen. Das Tor gehörte zur Absperrung eines Bahngleises, das nach West-Berlin führte. Einmal in der Woche sei es - streng bewacht - für einen Zug mit Kohlen geöffnet worden, der durch Ost-Berlin ratterte, hat Wichmann rekonstruiert. Auf Ost-Seite seien Polizisten und Grenzsoldaten mit auf dem Zug gewesen.

Werden jetzt noch verankerte Originalteile der Mauer gefunden, lässt man sie am historischen Ort - so wie bei einem erst zu Jahresbeginn wiederentdeckten 80 Meter langen Mauerabschnitt in Schönholz, der nun geschützt wird. Recherchen von Fachleuten ergaben, dass die damalige Grundstücksmauer aus Ziegelsteinen in den 1960er Jahren in die Sperranlagen integriert, erhöht und mit Sperrelementen versehen wurde.

Meist wird die Mauer heute mit dicken, hohen Betonteilen assoziiert, die ab 1989 abgetragen, verkauft, verschenkt oder geschreddert wurden. "Doch die Mauer war nicht immer so", betont Wichmann und verweist auf das Lapidarium. So gab es Stacheldraht, der anfangs zur Grenzsicherung ausgerollt wurde. Oder Gasbetonsteine, die vermauert wurden. "Nach jeder Flucht wurde weiter ausgebaut, teilweise auf die alte Anlage drauf." Erst ab Ende der 70er Jahre sei die Grenze mit Betonelementen perfektioniert worden.

   

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