Calbe l Einen neuen Superlativ will Reiner Tischler für die diesjährige Zwiebelernte rund um Calbe nicht bemühen. Im zweiten trockenen Jahr fällt der Ertrag deutlich unter den Erwartungen zurück, sagt er. Der Chef des Mitteldeutschen Zwiebelkontors mit Sitz in Calbe hätte sich eine deutlich bessere Ernte gewünscht.

„Wir liegen 60 Prozent unter einer durchschnittlichen Ernte“, sagt er. Allerdings war dies nicht überall so. In den anderen Bundesländern seien die Zwiebelbauern durchaus zufrieden mit der eingefahrenen Menge an Bollen. Die durchgehende Trockenheit habe fast ausschließlich Sachsen-Anhalt erwischt und dort nicht einmal das gesamte Land, beschreibt er die Situation.

Bollen bleiben klein

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts erkannte Philipp Carl Sprengel, dass der Stoff mit dem größten Mangel für das Wachstum der Pflanzen verantwortlich ist. Den Durchbruch der Erkenntnis verschaffte später Justus von Liebig. Der Chemiker machte das Wissen, welches heute als Minimumgesetz bekannt ist, populär.

Dass das Gesetz nach wie vor aktuell ist und wirkt, zeigt sich in Calbe. Trotz der Pflege der Zwiebelkulturen auf den Feldern sowie einer optimalen Nährstoffgabe blieben die Bollen klein. Das Wasser fehlte ihnen wochenlang zum Wachstum. Die Niederschläge blieben weitgehend hinter den durchschnittlichen Regenmengen der vergangenen Jahrzehnte zurück. Im zweiten Jahr in Folge.

Kleine Ernte schon 2018

Bereits im vergangenen Jahr, als die Erntemenge ähnlich klein ausfiel, mussten die Calbenser, die viele Supermärkte in den neuen Bundesländern mit den Bollen versorgen, Zwiebeln zukaufen, bestätigt Reiner Tischler. Schon zum vergangenen Jahreswechsel waren die Lager mit der eigenen Ernte weitgehend leer.

In diesem Jahr, schildert er, werden sich die Mitglieder des Kontors gegenseitig helfen. Da ein Teil der dort organisierten Landwirte gut bis sehr gute Ernten eingefahren haben, könne das Defizit im Raum Calbe ausgeglichen werden. Die fehlenden Mengen könnten so kompensiert werden, erklärt er das Prinzip des Kontors.

Künstliche Bewässerung

Dennoch sorgt die zweite Missernte in zwei Jahren für Nachdenken beim Chef, ob der Anbau der Bolle nicht noch weiter professionalisiert werden kann. Wie viele Landwirte in der Region denkt auch reiner Tischler über die Möglichkeiten der künstlichen Bewässerung nach. Fällt das Wasser nicht in Form von Regen ausreichend auf den Boden, kann der Landwirt Sprenger aufstellen und die Flächen bewässern.

Eine andere Möglichkeit wäre eine Tröpfchenbewässerung. Dazu müssen kleine Schlauchleitungen, kilometerlang, über die Äcker gezogen werden. An jeder kleinen Zwiebel würde Wasser in den Boden tropfen und das Gemüse wachsen lassen. Der Aufwand, die Äcker mit den Schläuchen zu „verkabeln“, wäre riesig, sagt er.

Wasser für Zwiebelwurzeln

Der Vorteil an der Methode läge aber darin, dass das Wasser ganz gezielt nur dort ankommt, wo es eine Wirkung erzielen soll: an der Wurzel der Zwiebel. Deutlich weniger Wasser müsste das Unternehmen im Vergleich zu einer konventionellen Bewässerung einsetzen.

Die Überlegung der Tröpfchenbewässerung kalkuliert aber ein, dass die Landwirte in Zukunft mehr mit dem Gut Wasser haushalten müssen. In Zeiten, in denen es weniger regnet, die Grundwasserstände mit den sinkenden Pegeln der Flüsse fallen, richtet sich der Fokus auch von Behörden auf das Wasser. In einigen Landkreisen haben die Unteren Wasserbehörden bereits den Landwirten die Wasserentnahme aus offenen Gewässern untersagt.

Behörden überwachen Grundwasserpegel

Über Brunnen überwachen die Behörden den Grundwasserspiegel flächendeckend. Bleibt es trocken, ist ungewiss, ob die Landwirtschaft noch weiter Wasser aus dem Boden pumpen kann oder ob neue Wasserrechte vergeben werden.

Über allen Überlegungen stehe jedoch die Frage, ob sich der ganze Aufwand später preislich lohne. Schließlich müsste die aufwendige Tröpfchenbewässerung eingepreist werden. Wenn allerdings in anderen Regionen Deutschlands die Bauern viel einfacher die Zwiebel anbauen können, weil es dort regelmäßiger regnet, stellt sich grundsätzlich die Frage, ob der Standort für das Gemüse auch noch in den kommenden Jahrzehnten geeignet ist. Die Antwort ist nicht einfach nach mehr als 400 Jahren Zwiebelanbau zwischen Harz und Saale.