Hirnforscher

Warum Frauen anders ticken als Männer

Der Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf erkärt Geschlechtsunterschiede im Gehirn von Frauen und Männern.

Von Uwe Seidenfaden

Magdeburg l Frauen sind von der Venus und Männer vom Mars. So heißt es, um Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern zu charakterisieren. Wie verschieden sind unsere Gehirne wirklich? Nicht so, wie viele Menschen glauben, sagt der emeritierte Hirnforscher Gerald Wolf.

Herr Professor Wolf, vor einigen Jahren sorgten zwei australische Buchautoren für Aufsehen mit der These, dass Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken können. Haben Sie dafür eine neurobiologische Erklärung?

Prof. Gerald Wolf: Sie beziehen sich auf ein Buch des australischen Ehepaares Allan und Barbara Pease. Die Gehirne von Frauen und Männern tickten ganz unterschiedlich, wird darin behauptet und anhand neckischer Beispiele auf höchst amüsante Weise erörtert. Am Ende kommt heraus, dass Frauen und Männer gerade wegen ihrer Unterschiede so wunderbar zueinander passen.

Das ist ein schönes Buchende. Aber wie verschieden sind die Gehirne von Männern und Frauen nun wirklich?

Mit bloßem Auge kann niemand, auch kein Hirnforscher, dass Gehirn einer Frau von dem eines Mannes sicher unterscheiden. Wenn es Verhaltens- oder Leistungsunterschiede gibt, dann lassen sich dafür kaum entsprechende Strukturunterschiede finden. Es bedarf schon technisch aufwändiger Methoden, um herauszufinden, was mit Fähigkeits- und Qualitätsunterschieden zusammenhängt. Ein Großteil der Hirnstrukturen entwickelt sich in Form subtilster Konstruktionsunterschiede erst im Laufe der Hirnreifung.

Wie können Wissenschaftler solche Konstruktionsunterschiede des menschlichen Gehirns sichtbar machen?

Ein Verfahren ist die sogenannte Diffusions-Tensor-Tomografie. Damit lässt sich zeigen, dass die Strukturen, die für den Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Hirnregionen zuständig sind, bei Männern eher innerhalb der beiden Großhirnhälften (Hemisphären) vermitteln, bei Frauen stärker zwischen der linken und der rechten Hälfte. Da die linke Hemisphäre stärker mit rationalen Inhalten zu tun hat, die rechte eher mit emotionalen und ganzheitlichen Aspekten, wird daraus gern abgeleitet, dass Frauen das Vernunft- und das Gefühlsmäßige stärker mischen, Männer eher trennen.

Also wie Bert Brecht sagte: Mann bleibt Mann und Frau bleibt Frau ...

Von ihrer Denk- und Handlungsweise her gibt weder „die“ Frau noch „den“ Mann. Ihre Verhaltensweisen überlappen sich größtenteils. Aber genauso gut weiß jeder, dass es Verhaltensweisen und Verhaltenstendenzen gibt, die eben nun mal typisch weiblich und typisch männlich sind. Sie sind angeboren, entwickeln sich aber erst mit der Hirnreifung während der Kindheit, und das oft auch gegen einen entsprechenden Erziehungsdruck!

Wie groß sind im Geschlechtervergleich die Unterschiede in puncto Intelligenz?

Der Durchschnitt der Intelligenzquotienten (IQ) von Frauen und Männern ist fast identisch. Doch verläuft die Verteilungskurve der IQ in der männlichen Bevölkerung etwas flacher. Das heißt, es gibt unter Männern mehr Unterbegabte, aber ebenso auch mehr Hochbegabte.

Wie steuert das Gehirn unser geschlechtstypisches Empfinden und Verhalten?

Wesentlich dafür sind Nervenzellgruppen an der Basis des Gehirns, vor allem im Zwischenhirn. Hier werden Signalsubstanzen gebildet, die ins Blut gelangen und dann als Hormone wirken. Sie beeinflussen den Körperbau, auch die Strukturierung des Gehirns, und mithin die geschlechtlichen Verhaltens- tendenzen. Dieselben Moleküle übertragen aber auch Informationen zu Nervenzellen in anderen Hirnregionen, darunter solche, die verhaltenswirksam sind oder die ihrerseits die Produktion von verschiedenen Hormonen anregen – zum Beispiel die von Testosteron.

Geschlechtstypisches Verhalten gibt es bei vielen Wirbeltieren. Ist es nicht so?

Völlig richtig. Gesteuert durch das Testosteron, bringen nur die Männer unter den Singvögeln den arttypischen Gesang hervor. Die Weibchen verfügen über dieselben Gene, ihre Sangeskunst wird hormonell aber nicht angeregt. Verabreicht man ihnen Testosteron, singen auch sie. Oder denken wir an den Rothirsch. Nicht nur, dass sein Geweih zum Sommer hin testosterongesteuert aus dem Stirnbein hervorsprosst, auch sein Brunstverhalten wird von dem Sexualhormon gelenkt. Andererseits bringen die männlichen Tiere keinerlei Interesse für ihren Nachwuchs auf. Nur die Hirschkühe haben das Wissen und Können, um die Nachkommenschaft zu pflegen und zu hüten – von Hormonen gesteuert.

Vereinfacht kann man es vielleicht mit einer Volksweisheit sagen: Damit zwei Menschen sich mögen, muss die Chemie stimmen.

Durchaus. Bereits Goethe knüpfte mit seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften“ in der Art eines Gleichnisses an die Reagenzglas-Chemie seiner Tage an. Damals schon wusste man von einigen chemischen Elementen und Verbindungen, dass sie sich gegenseitig abstoßen oder sich in Form von Wahlverwandtschaften anziehen und zu neuen stofflichen Qualitäten vereinigen. Ähnliche Kräfte wähnte Goethe in der menschlichen Gesellschaft.

Was passiert im Gehirn, wenn man einander gut oder aber nicht riechen kann?

Dazu liefert das Oxytocin eine gewisse Erklärung. Das ist ein im Gehirn gebildeter Signalstoff. Er wird auch Liebes-, Kuschel-, Treue- oder Vertrauenshormon genannt. Allerdings „macht“ Oxytocin nicht auf direktem Wege all die genannten Eigenschaften, ebenso wenig wie die sogenannten Glückshormone das Glück „machen“. Erzeugt werden solche inneren Wohlfühlzustände vielmehr von Nervenzellnetzen in unterschiedlichen Hirnregionen, sofern sie durch derartige Signalstoffe aktiviert werden.

Wie muss man sich den Effekt auf diese Nervenzellnetze vorstellen?

Das Oxytocin findet dort spezielle Bindungsstellen vor, Rezeptoren genannt. Sie wirken wie Schalter, über die jene Nervenzellen aktiviert werden, die dann ihrerseits für entsprechende Erlebniszustände und Verhaltenstendenzen sorgen. Für das Bedürfnis nach Zärtlichkeit zum Beispiel oder für die Neigung, dem Anderen zu vertrauen und ihm treu zu bleiben. Interessanterweise konnte kürzlich eine US-amerikanische Arbeitsgruppe nachweisen, dass Oxytocin die Riechleistung verbessert. Womöglich erklärt das, warum sich manche Menschen im wortwörtlichen Sinn gut und andere nicht riechen können.

Wirkt das „Kuschelhormon“ Oxytocin auf Männer und Frauen gleich oder unterschiedlich?

Lange Zeit meinte man, eher gleich. Kürzlich zeigte sich aber in Studien, dass das Hormon bei Frauen die Sympathie für Personen verstärkt, wenn diese lobend erwähnt werden. Männer hingegen reagierten darauf umgekehrt eher mit Abneigung. Die Frage ist, ob das am Oxytocin selbst liegt oder vielmehr an den Rezeptoren, an die es sich bindet? Diese Rezeptoren kommen von Mensch zu Mensch nicht nur in unterschiedlicher Häufigkeit vor, sondern auch in verschiedenen Varianten. Beides ist genetisch bedingt. Untersuchungen einer schwedischen Arbeitsgruppe ergaben, dass die Paarbeziehungen bei männlichen Trägern des „Allels 334“ (einer Gen-Variante) eher brüchiger Natur sind. Die Variante wurde bei 40 Prozent der Männer gefunden. Bei Frauen kommt sie auch vor, ohne dass ihnen ein höheres Maß an Flatterhaftigkeit nachgewiesen werden konnte, bisher jedenfalls.

Vortrag: Wie tickt das weibliche und wie das männliche Gehirn? Über die Erkenntnisse der Hirnforschung wird der Magdeburger Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Wolf am Montag, dem 17. Oktober, zwischen 18 und 20 Uhr, einen Urania-Vortrag halten. Ort der öffentlichen Veranstaltung ist die Sudenburger Feuerwache in der Halberstädter Str. 140, Magdeburg. Der Eintritt kostet 5 Euro. Um eine vorherige Anmeldung wird gebeten: Telefon: (0391) 60 28 09.