Biberach (dpa) - Quietschende Bremsen, ein dumpfer Aufprall. Ein Reh liegt auf der Landstraße 265 im oberschwäbischen Ellwangen (Kreis Biberach). Für die schwer verletzte Ricke gibt es an diesem Morgen keine Hilfe mehr. Doch was ist mit ihren Kitzen?

Sie müssen irgendwo geduckt im Weideland liegen. Aber wo? Eile ist geboten. Kitze brauchen alle paar Stunden Nahrung. Zudem streift ein Fuchs umher. Das sind Momente, in denen Manfred Lochbühlers Handy klingelt: "Kannst Du mit Deiner Drohne helfen?"

Lochbühler ist der Drohnenbeauftragte der Kreisjägervereinigung Biberach in Baden-Württemberg. Rasch ist der 58-Jährige samt Ausrüstung zur Stelle. Schon bald zeigt die Wärmebildkamera unter seinem Quadrokopter die Umrisse von zwei regungslosen Rehbabys im hohen Gras. Vier Monate danach tollen sie munter in der Oktobersonne umher - ein Böcklein und eine Geiß im Gehege des Milchbauernhofs von Michaela und Bruno Wiest, ein paar Hundert Meter von der Unfallstelle entfernt.

"Die Wiests waren sofort bereit, die Kitze aufzunehmen" erzählt Lochbühler. Michaela - Mutter von fünf Kindern zwischen 8 und 17 Jahren - hat die "Bambis" mit der Flasche aufgezogen: Anfangs mit Ziegenmilch, die exakt auf 39,5 Grad erwärmt wurde, und alle zwei Stunden verabreicht werden musste, am Tag und in der Nacht. "Ich fand das spannend", sagt sie. "Wilde Tiere aufzuziehen und für die freie Wildbahn vorzubereiten." Einige Zeit wird sich Michaela Wiest noch um die jungen Rehe kümmern. "Am 13. März 2019 schicken wir sie in die Natur zurück, an meinem 39. Geburtstag."

Die "Kitz-Rettung von Ellwangen" gehört zu den Erfolgsgeschichten des Drohnen-Einsatzes im Landkreis Biberach, die Lochbühler und Dieter Mielke (58), der stellvertretende Kreisjägermeister, gern erzählen. Beide hatten sich voriges Jahr - gegen Widerstände von eher traditionell eingestellten Kollegen - für die neue Technik stark gemacht. "Anfangs hat so mancher gefragt, ob Tausende von Euro für so eine Technik-Hornisse nicht rausgeschmissenes Geld sind", sagt Mielke.

Inzwischen ist die Drohne als Jäger-Utensil akzeptiert, in Biberach wie in einer Reihe anderer Reviere in Deutschland. "Wir begrüßen den Drohnen-Einsatz für den Tierschutz durch immer mehr Jäger ausdrücklich, vor allem bei der Kitzrettung", sagt Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdverbandes.

Dabei geht es um weit mehr, als eine gelegentliche Suche nach Kitzen, die durch Unfälle zu Waisen wurden. Wenn im Frühling und Frühsommer große Mähmaschinen im Einsatz sind, werden immer wieder Rehkitze bei lebendigem Leib zerfetzt. Geboren werden sie zwischen April und Mitte Juni. Die Ricken legen die Kitze im hohen Gras ab, damit sie nicht so leicht entdeckt werden. Sie können aber noch nicht fliehen und drücken sich stattdessen ängstlich an den Boden.

"Bevor die Maschinen rollen, lassen wir die Drohne über Weideflächen und Felder fliegen", schildert Lochbühler. "Die Wärmebildkamera zeigt uns am Bildschirm, wo sie sind und wir holen sie dann und legen sie sie an sicheren Stellen ab. Die Ricken finden sie dort und kümmern sich." Auf diese Weise haben Biberacher Jäger 2018 bei rund 45 Einsätzen mehr als 75 Kitze gerettet. "Aktiver Tierschutz gehört zum Beruf des Jägers", sagt Mielke.

Auch im Herbst sind wieder Jäger mit Drohnen im Einsatz. Jetzt geht es nicht mehr um die Rehkitz-Rettung, sondern um das Aufspüren von Wildschweinen. "Durch den starken Anstieg der Populationen wird es immer schwieriger, mit herkömmlichen Mitteln - etwa mit speziell abgerichteten Hunden - Schäden durch Wildschweine zu begrenzen", sagt der Experte für Digitaltechnik in der Jagd, Niklas Scharffetter, vom Fachmagazin "Jäger". "Dank der Wärmebildkameras an den Drohnen lassen sich die Sauen selbst in hohen Maisfeldern gut erkennen."

Zudem sind die surrenden Drohnen geeignet, Wildschweine aus dem Mais in Richtung bereitstehender Schützen zu treiben. Das ist jagdethisch umstritten und wird von nicht wenigen Profis als nicht waidgerecht abgelehnt. Allerdings besteht Experten zufolge weiter die Gefahr eines Einschleppens der Afrikanischen Schweinepest aus benachbarten Ländern nach Deutschland. Sie wird unter anderem von Schwarzwild übertragen und verläuft für Wild- wie Hausschweine fast immer tödlich. Auch deshalb haben Jäger in der Saison 2017/18 bundesweit mit über 820 000 Tieren deutlich mehr Wildschweine erlegt als sonst.

Die hohe Abschussrate ist auch Teil der Vorsichtsmaßnahmen: Das Schweinepest-Virus verbreitet sich langsamer, wenn weniger Schweine auf einer Fläche leben. Für den Fall, dass die Schweinepest auf Deutschland übergreift, haben die Behörden Sondermaßnahmen vorgesehen. Dazu gehört eine deutlich stärkere Bejagung von Schwarzwild, gegebenenfalls mit Hubschraubern sowie mit Drohnen und Wärmebildkameras. "Wir in Biberach", sagt Jäger Mielke, "sind jedenfalls vorbereitet."

Informationen des Ministeriums für Ländlichen Raum zur Schweinepest

Drohneneinsatz im Weinbau

Stellv. Kreisjägermeister Dieter Mielke

Kreisjägervereinigung Biberach

Beitrag von Jäger Niklas Scharffetter zum Drohneneinsatz gegen Wildschweine

Fragen und Antworten BML

Pressemitteilung Bundesministerin fördert High-Tech in der Landwirtschaft