New York (dpa) - Schon als Teenager hatte Clive Campbell eine Vorliebe für Lautsprecherboxen. Kurz nachdem er mit seiner Familie in den 60er Jahren von der Karibik-Insel Jamaika nach New York gezogen war, entdeckte er in der Millionenmetropole ein verlassenes Grundstück voller schrottreifer Autos und Fernsehgeräte.

"Ich habe alle Lautsprecher ausgebaut und mir dann meine eigenen kleinen Boxen für mein Zimmer gebastelt. Von da an ging es dann immer nur bergauf." Inzwischen wird Clive Campbell, der heute 65 Jahre alt wird, unter seinem Künstlernamen "DJ Kool Herc" weltweit als "Vater des Hip-Hop" angesehen.

Die Premiere soll im August 1973 gewesen sein, in einem roten Backsteinbau am südwestlichen Rand der New Yorker Bronx, 1520 Sedgwick Avenue. Campbells Schwester Cindy hatte auf linierten Karteikarten in kugeliger Mädchenschrift Freunde und Bekannte eingeladen. Ein "Back to School Jam" sollte es werden, von 21.00 bis 04.00 Uhr, im Gemeinschaftsraum. Der Eintritt betrug für Frauen 25 Cent und für "Fellas", also Jungs, 50. Star des Abends: Cindys Bruder DJ Kool Herc und seine große Plattensammlung.

Die Party sei ein voller Erfolg gewesen und seine Schwester habe sich von dem Eintrittsgeld viel schöne Kleidung kaufen können, erinnerte sich Campbell einmal in einem Interview. Im Nachhinein betrachtet sei die Fete aber viel mehr als nur das gewesen, schrieb das "New York Magazine" - eine "Revolution": "Für Hip-Hop-Fans ist die Geschichte dieser Party heilig".

Der damals 18-jährige DJ Kool Herc spielte nicht die kompletten Songs seiner Platten, sondern nur die Instrumentalteile zwischen dem Gesang, zu denen die Partygäste am besten tanzen konnten. Ein Freund schnappte sich ein Mikrofon und begann dazu zu rappen - auch wenn es diese Bezeichnung dafür damals noch gar nicht gab. Rhythmen mit Sprechgesang - der Hip-Hop war geboren und die Partygänger konnten gar nicht genug davon bekommen, erinnert sich Campbell. "Es gab kein Zurück mehr."

Schon bald eröffneten Clubs, die nur diese Musik spielten, Alben wurden aufgenommen, die Zahl der Fans wuchs und die Musik eroberte weltweit die Charts. Heute ist Hip-Hop in all seinen Ausprägungen einer der weitverbreitesteten Musikstile überhaupt, hat Star-Imperien wie das von Jay-Z, Kanye West, Eminem oder P. Diddy hervorgebracht und ist inzwischen sogar in den elitärsten aller Zirkeln angekommen: Die Harvard Universität hat ein spezielles Archiv angelegt und vergibt Stipendien, die nach dem Rapper Nas benannt sind. In der Bronx soll 2023 ein Hip-Hop-Museum eröffnen.

Unter anderem Musiker und Bands wie Grandmaster Flash, Public Enemy, Kurtis Blow, Sugarhill Gang und später Wu-Tang Clan, Tupac Shakur, Notorious B.I.G. und Wyclef Jean wurden als Größen des Genres weltbekannt. Campbell nicht. Der Sohn einer Krankenschwester und eines Elektromechanikers wurde wenige Jahre nach der berühmt gewordenen ersten Hip-Hop-Party bei einer Messerstecherei schwer verwundet. Später bekam er als DJ immer weniger Aufträge, wurde drogensüchtig und gilt immer noch als gesundheitlich angeschlagen. Auf seiner Webseite werden derzeit keinerlei Auftritte angekündigt, es wird um Spenden gebeten.

Neben der Musik hat Campbell noch eine weitere Leidenschaft: Drachen basteln und auf einer Wiese in der Bronx steigen lassen. "Ich werde die Bronx immer lieben, egal was passiert", sagte er jüngst der "New York Times". "Und ich werde eines Tages einen Drachen im Himmel steigen lassen. Einen großen Drachen werde ich dort eines Tages steigen lassen."

Website DJ Kool Herc