Leipzig (dpa) - Vor zehn Jahren, zum 50. Geburtstag von Neo Rauch, wurde in Leipzig und München eine große Doppelausstellung mit seinen Werken eröffnet. Jetzt wird der Maler 60 Jahre alt - und sucht offensichtlich die Ruhe.

Eine Interviewanfrage lehnt sein Büro ab mit der Bitte um Verständnis. Der Geburtstag am 18. April sei für Herrn Rauch eine private Angelegenheit.

Auch eine für 2020 angedachte Ausstellung seiner frühen Werke im Museum bildenden Künste in Leipzig, der Stadt in der Neo Rauch 1960 geboren wurde und in der er bis heute arbeitet, kam nicht zustande. Der Maler sagte sie ab, weil ihm die "gebotene Altersmilde und Gelassenheit" fehle, um sich mit seinem Frühwerk auseinanderzusetzen.

Die Formulierung passt zu dem Künstler. Bei seinen spärlichen öffentlichen Auftritten spricht er in einer Sprache, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Er wählt seine Worte sorgsam aus. Es klingt eher wie 19. als 21. Jahrhundert. Trotzdem ist Rauch fest in der Gegenwart verwurzelt.

"Ich glaube, dass Neo Rauch ein ganz wichtiger Maler seiner Generation ist, in Deutschland und auch drüber hinaus", sagt Bernhart Schwenk, Kurator für zeitgenössische Kunst in der Pinakothek der Moderne in München. Schwenk hat 2010 die große Neo-Rauch-Schau in der bayerischen Landeshauptstadt verantwortet.

Neo Rauch bringe in seinen Bildern ein dystopisches Potenzial hervor, sagt Schwenk. "Die Bilder sind lesbar, weil sie gegenständlich sind." Aber zugleich habe man beim Betrachten immer das Gefühl, dass bei allem heutigen Wissen und bei aller Aufklärung die Zeit angehalten ist. "Gerade in diesen Corona-Zeiten, wo alles zum Stillstand gekommen ist, muss ich oft daran denken, wie schnell doch Lähmung eintritt", sagt Schwenk.

Der Aufstieg Neo Rauchs zum weltweit gefragten Maler-Star begann Mitte bis Ende der 1990er Jahre. Geprägt von der Leipziger Kunsthochschule HGB malte Rauch figürlich. "Das war komplett neu. Das kannte man zuletzt im Surrealismus und vor dem Zweiten Weltkrieg", sagte Schwenk. Die Malerei der Neuen Leipziger Schule und allen voran die Bilder Neo Rauchs erzielten auf dem internationalen Kunstmarkt plötzlich Spitzenpreise.

Für Leipzig hat Neo Rauch eine große Bedeutung - das hebt die Stadtspitze hervor. Die Kulturdezernentin Skadi Jennicke habe dem Maler in einem "sehr persönlichen Schreiben" zu einem 60. Geburtstag gratuliert, teilte die Stadtverwaltung mit. Darin würdige sie ihn als international gefragten und anerkannten Künstler. Mit ihm verbinde man Leipzig auch außerhalb Deutschlands.

Die Verbindung zu seiner ostdeutschen Heimatstadt ist in seinen Bildern zu erkennen. Die Szenerien und Landschaften sind Leipzig, und sie sind manchmal auch Aschersleben. In der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt wuchs Neo Rauch nach dem frühen Tod seiner Eltern bei einem schweren Zugunglück bei seinen Großeltern auf.

Aber nicht nur die biografischen Hinweise zeichnen seine Bilder aus. Sie sind zugleich verrätselt und lassen sich auch losgelöst vom Künstler betrachten. Dann stößt man auf immer neue Aspekte. Neo Rauch, darüber besteht Einigkeit, ist auch ein großer Geschichtenerzähler.

Auch wenn die Schau im Museum der bildenden Künste in diesem Jahr nicht realisiert wurde, so werden seine Fans trotzdem eine Ausstellung erleben können. Die Galerie Eigen + Art, die mit der Karriere Neo Rauchs untrennbar verbunden ist, plant im September eine große Ausstellung.

Dokumentarfilm über Neo Rauch