Moskau (dpa) - Freundschaft, Feindschaft, gescheiterte Existenzen: Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja ist für tiefgründige Beobachtungen bekannt. 

Sie prangert in ihren Büchern auch Stalinkult und Korruptionsskandale in ihrem Land an. Vor ihrem 75. Geburtstag an diesem Mittwoch sorgt sich die Gesellschaftskritikerin vor allem um Russlands Zukunft.

Ulitzkaja ist neben ihren Erzählungen auch als kritische Stimme in dem Riesenreich bekannt, mahnend und wohlwollend zugleich. Auch deswegen wird die Autorin mit dem markanten Kurzhaarschnitt als Grande Dame der russischen Literaturszene bezeichnet. "Ich mag unsere Staatsmacht nicht - und das ist auch umgekehrt der Fall", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in Moskau. Vor Jahren hatte sie gegen Wahlfälschung demonstriert, als politische Kommentatorin will sie trotzdem ungern wahrgenommen werden.

Zu selten gehe es in der Politik noch um die echten Sorgen der Menschen, sagt die preisgekrönte Autorin. "In meinem Land geht es unmenschlich zu, es ist an manchen Stellen richtig unsozial." Sei es eine undurchsichtige Justiz, der wiederkehrende Sowjetkult oder das marode Sozial- und Gesundheitssystem. "Das Land hat massive Probleme, über die aber kaum jemand spricht", kritisiert Ulitzkaja. Besonders Schicksale von Randgruppen wie Invaliden sowie Rentnern und Gefängnisinsassen blieben aus Angst vor Konfrontation eher im Dunkeln. "Diese Probleme will ich in meiner Arbeit sichtbar machen."

Ulitzkaja entwirft ein Panorama der russischen Geschichte, der offiziellen aus den Büchern und der kleinen im Privaten: In zahlreichen Kurzgeschichten und Romanen nimmt sie oft die Auswirkungen des totalitären Sowjet-Regimes ins Visier und verknüpft sie mit komplexen Familienbanden.

Ihre Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. In Deutschland machten das Werk "Die Lügen der Frauen" (2003) und das Dissidentenepos "Das grüne Zelt" (2012) sie bekannt. Inspiriert von Briefen und Notizen, die Ulitzkaja erst vor wenigen Jahren zufällig entdeckt hatte, widmete sich die Moskauerin zuletzt ihren eigenen Wurzeln. In ihrem 2017 erschienenen Roman "Jakobsleiter" erzählt sie die Geschichte ihres jüdischen Großvaters, der nach Krieg und Verbannung vor den Trümmern seiner Existenz stand.

Ulitzkaja wurde am 21. Februar 1943 in einer Kleinstadt im Ural geboren, wo ihre Familie während des Zweiten Weltkrieges lebte. Noch unter Sowjetdiktator Josef Stalin durften die Eltern in die Hauptstadt zurückkehren, wo Ulitzkaja aufwuchs. Sie studierte Biologie, wurde Genetikerin. Mit Literatur beschäftigte sie sich zunächst nur in der Freizeit. Motiviert von ihrer Familie vervielfältigte sie als junge Frau ihre ersten Werke im illegalen Eigenverlag, dem "Samisdat".

Ihr künstlerisches Schaffen machte Ulitzkaja erst in den 1980er Jahren zum Beruf, in der Zeit von "Glasnost" (Transparenz) und "Perestroika" (Umbau) unter Kremlchef Michail Gorbatschow. Sie arbeitete am Jüdischen Kammertheater in Moskau, schrieb Radiohörspiele, Drehbücher für Filme, Kinderstücke und immer wieder Kurzgeschichten.

Vielen Literaturkritikern ist Ulitzkajas Schaffen auch mehr als 30 Jahre später noch ein Rätsel. Sind ihre Werke Gesellschaftskritik? Wo endet die Realität, wo beginnt die Fiktion? Welchem Genre ist sie zuzuordnen? "Sollen die Experten meiner Arbeit halt etwas überstülpen, ich will einfach meine Geschichten erzählen", sagt sie ohne Koketterie.

Zentraler Schauplatz ist stets die Millionenmetropole Moskau; für Thema und Charaktere suche sie in ihren Vorbereitungen nicht lange, sagt Ulitzkaja. "Moskau ist manchmal wie ein kleines Dorf: In meinem Stadtteil kennt jeder jeden, alles ist sehr intim." Sie orientiere sich an einfachen Menschen, Außenseitern, leisen Stimmen in der Gesellschaft. "Meine Helden sind Menschen, die kein großartiges Leben führen: Manche sind vielleicht irgendwann erfolgreich, dann scheitern sie mit ihren Lebensentwürfen." Genau diese wenig planbaren Wege machten ihre Geschichten greifbar und interessant.

Einigen Russen geht Ulitzkaja besonders mit ihrer Kritik an der Geschichte des Landes zu weit. 2016 griffen junge Nationalisten bei einem Schülerwettbewerb die Autorin an und bespritzten sie mit grüner Flüssigkeit. Aufgeben oder gar auswandern kommt für die fünffache Großmutter dennoch nicht in Frage. "Russland ist brutal wie ein Fleischwolf", sagt sie. Jedoch sei das Land auch gleichzeitig ihre große Inspirationsquelle und - natürlich - Heimat.

Ljudmila Ulitzkaja bei Hanser